Momentaufnahmen des Glücks

von Rebecca Rieper


Die große blonde Frau mit den klackernden Absätzen und dem penetranten Parfüm zeigte auf den einzigen noch leeren Arbeitsplatz mit der Nähmaschine und schenkte Nina ihr schönstes Blend-a-med-Lächeln. Sieben weibliche Augenpaare starrten sie an, manche davon mit ermutigendem Blick. Manche regungslos und in die Arbeit vertieft. Nina war verwirrt und wusste nicht, was sie tun sollte. Ihr Herz schlug wie eine Glocke in ihren Ohren. Hatte sie doch vor Aufregung den letzten Satz der blonden Frau nicht mitbekommen. Die war ohnehin wieder abgedampft. Was blieb, war der schwere Geruch ihres Parfüms und die Unsicherheit. Ein „Hallo“ kletterte über Ninas Lippen. Das Wort fiel hinab wie ein Weihnachtsplätzchen und brach auseinander. Als sie aufblickte, streckte sich ihr eine zierliche Hand entgegen.  

„Moin, ich bin Jutta“, sagte die freundliche Stimme, die zu der Hand gehörte. Dann folgte: „Komm mal mit, ich zeig dir was!“ „Du bist Nina, richtig?“ Nina nickte stumm.“Hast du schon mal genäht, Nina?“ Wieder ein Nicken. „Gut. Sieh mal, dieses Puppenkleid hier hat ein Loch im Saum. Meinst du, du könntest das zunähen?“ Nina biss sich auf die Lippen und nickte erneut.  „Ok, ich hab das Nähgarn schon eingefädelt. Stich- und Stichlänge stimmen auch. Wenn du irgendwelche Fragen hast, frag‘ mir einfach ein Loch in’n Bauch, ich kann das ab. Ich sitz übrigens da drüben.“ „Danke,“ flüsterte sie. Vorsichtig nahm sie das Puppenkleid und legte es unter den Nähfuß. Sie kam sich tollpatschig und ungeschickt vor. Wenn sie darüber nachdachte, wie viele Kleider, Blusen und Hosen sie schon genäht hatte und wie viele eigene Ideen sie mal verwirklichen wollte, schossen ihr Tränen in die Augen und ein Kloß aus Stacheldraht verstopfte ihren Hals. „Fang jetzt bloß nicht an zu heulen, du dusselige Kuh, nicht am ersten Arbeitstag!“ rief ihre innere Stimme. Hier sollte sie also die kommenden sechs  Monate verbringen. Sie, die Diplom- Modedesignerin, flickte jetzt Puppenkleider für einen Euro die Stunde, die dann nicht mal verkauft, sondern nur verschenkt wurden an arme Kinder und Familien.

Aber für diese Hilfsmaßnahme des Arbeitsamtes sollte sie doch dankbar sein. Diese Leute wollten sie dabei unterstützen, wieder ins Arbeitsleben zu finden nach über sechs Jahren Arbeitslosigkeit. Hier sollte sie wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen und einen ganzen Arbeitstag durchzuhalten. Wenn nur diese  Alkoholsucht nicht gewesen oder zumindest mehr Geld aus ihrem eigenen Laden gekommen wäre…und dann auch noch die Schwangerschaft. Es wurde ihr einfach alles zu viel.  Und jetzt saß sie hier in Hannover bei der Toys Company und Bilder ihres erbärmlichen Lebens schossen ihr durch den Schädel. Nina hob den Kopf. Die Sonne stach ihr in die Augen. Die Strahlen brachen durch das Fenster – das Glas war überall- und beschienen geradewegs ihre persönliche Niederlage. Der Himmelskörper schrie ihr ins Gesicht:“ Na, wo ist denn dein Talent geblieben? Hast es im Sprit ersoffen, was? Nicht mal eine einfache Naht von einem Puppenkleid kriegst du mehr hin…!“ Sie musste schlucken. Der weiße Baumwollstoff vor ihren Augen verschwamm und als Ergebnis bahnten sich dicke Tränen ihren unaufhaltsamen Weg Richtung Kinn. Entschieden wischte Nina das Salzwasser aus dem Gesicht und trat auf den Anlasser der Nähmaschine. Sie schnitt die Fäden durch und betrachtete ihre erste Naht. Für eine studierte Modedesignerin gar nicht so schlecht, dachte sie und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln.

 

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