Ein sturer Hund

von Renate Greiner


Bisher ist es ihm gelungen, sein Geheimnis zu wahren. Er nennt sich Wendelin Feddersen, ist einunddreißig, gesund und sieht ganz gut aus. Eisern steht er  jeden Morgen um halb sieben auf, macht sein Frühstück und beeilt sich, seinen Bus zu kriegen. Er bringt ihn in die Innenstadt, wo er im Verlag seines Vaters arbeitet. Seit einem halben Jahr ist er Postbote, Chauffeur und Hausmeister in Personalunion. Das alles tut er mit stoischer Verbissenheit. Nein, er wird nicht nachgeben!

Sein alter Herr, er heißt nicht Feddersen, beobachtet ihn genau, das weiß Wendelin, aber der Ältere sagt nichts. „Sturer Hund!“, ist nur einmal sein Kommentar.

Als Wendelin an diesem Donnerstag im November sein Büro im Untergeschoss  verlässt und zur Stempeluhr kommt, grüßt ihn der Pförtner zwar wie sonst: „Schönen Feierabend“,  seine Stimme klingt jedoch schleppend, traurig.

Wendelin hält an und  dreht sich um. „Ist Ihnen eine Laus über die Leber gelaufen?“

„Ach, Herr Feddersen, etwas Schreckliches ist passiert“, sagt Jürgen Meissner, mit nur mühsam unterdrücktem Schmerz in der Stimme.

Wendelin geht zurück.  „Wir könnten uns  im ‚Schreibereck’ zusammensetzen.“

Meissner schüttelt traurig den Kopf. „Heute kann ich nicht, aber wenn Ihnen morgen Abend Recht wäre?“ Hoffnungsvoll schaut er den Kollegen an.

Es ist diesem fast peinlich. „Ja, kein Problem.“

Er trottet zu seiner Bushaltestelle. Mit Willy Otembra, dem Fahrer der Linie 60, wechselt er die üblichen Worte, meist über das Wetter. Ohne diesen netten Fahrer würde er die langwei-ligen Fahrten wohl kaum überstehen.

„Heute soll es ja noch Regen geben“, meint  Otembra.

„Vielleicht wird es morgen schöner“, entgegnet Wendelin  freundlich und setzt sich wie immer an den Fensterplatz direkt hinter dem Fahrer. Meissner geht ihm nicht aus dem Kopf, er erschrickt, als der Fahrer sich zu ihm umdreht „Hallo, Sie müssen raus!“

Wendelin steigt aus, winkt noch kurz und verschwindet in Richtung Lindenstraße 22.

Hier wohnt er, in seinem hübschen kleinen Haus mit winzigem Garten.

Er betritt sein Heim und wirft Mantel und Mappe irgendwo hin. Auf seinem Schreibtisch steht der Computer, sein  Roman ’Ein sturer Hund’ ist hier gespeichert. Dieses Ventil hilft ihm über manche zornige Stunde hinweg.

Seine Perle hat den Bistrotisch gedeckt. Wie üblich liegt ein Zettel da: Bitte Mikrowelle  Stufe 3, 7 Minuten. Gruß Marita.

Das Telefon läutet. Meissner ist dran. „Vielleicht hätten Sie bitte schön doch heute  Zeit, ich warte im ‚Schreibereck’.“ Die Stimme klingt erschöpft.

Feddersen sammelt rasch Mantel und Tasche wieder ein, und nach einer guten Viertelstunde sitzen  die beiden beisammen. Meissner hat ein Glas Tee vor sich. „Gott sei Dank, dass Sie es richten konnten.“ Seine Augen sind glanzlos. 

„Was ist passiert?“, versucht der Kollege zu ihm durchzudringen.

„Herr Feddersen, mein Vater...“, er schluckt, „mein Vater ist gestorben, gestern Nacht, im Hospiz,  er hatte Krebs.“

„Das tut mir aber leid, aber eigentlich...“

„Er hat ja nichts mehr mitbekommen. Er stand unter palliativer Versorgung. Am Schluss war ich jeden Tag bei ihm und habe immer gehofft,  dass er vielleicht noch mal zu sich käme.“

„Das klingt, als machten Sie sich Vorwürfe.“

Wendelin erfährt, dass Meissners Vater  die Zügel seines Autohandels nicht aus der Hand geben wollte, trotz Georgs guter kaufmännischer Ausbildung. Die Stelle beim Verlag war nicht gerade sein Traumjob, doch er war ganz zufrieden.

„Aber Sie hatten doch keine Ahnung von seiner Krankheit?“

„Nein, es ging auch ganz schnell, er hatte ausgerechnet diesen aggressiven Pankreaskrebs. Aber ohne seineexplizlite Bitte wollte ich keineswegs  zurück.“

„Es blieb Ihnen keine Zeit mehr zu einem guten Gespräch, das plagt Sie wohl am allermeisten?“ Wendelin sieht eine deutliche Parallele zu seinem eigenen Fall.

Meissner nickt betrübt. „Ich hätte ihm  gerne noch gesagt, wie sehr ich ihn trotz allem  bewundert und geliebt habe.“ Eine Träne läuft ihm über das blasse Gesicht.

Ihm tut das Gespräch sichtlich gut.  Es wird fast Mitternacht, sie werden Freunde.  Wendelins Zorn auf seinen eigenen Vater schmilzt dahin wie eine Tüte Eis in der Sonne. 

Am nächsten Morgen holt er seinen Porsche aus der Garage. Er stellt ihn auf den Stellplatz der Firma neben den Daimler des Chefs. Das Vorzimmer  ist leer, er klopft vorsichtig an die Tür mit  dem  Messingschild ‚Meinrad von Wallenberg, Verlag’. 

„Ja bitte“, hört er die bekannte Stimme und tritt ein, nun doch etwas befangen.

„Wie schön, dass du zu mir findest, mein Sohn“.  Sein Vater steht auf und umarmt ihn,  dann  schaut er ihn eine Weile ernst und schweigsam an. „Wir haben wohl beide Fehler gemacht“, sagt er leise und  deutet  auf einen Besuchersessel.

Nun bricht es aus Wendelin, alias Frederick von Wallenberg, hervor: „Vater, ich  war wirklich ein sturer Hund!“

Leises Lachen. „Ja, das stimmt. Aber ich war  dennoch stolz auf dich. Der neue Autor war  wirklich ein Senkrechtstarter. Und noch etwas: die Belegschaft mag unseren Büroboten.“

Frederick atmet auf. Er  war genau einen halben Tag im Verlag gewesen, noch total unbekannt, und gleich hatte es gekracht, er hatte  den neuen Schriftsteller anders beurteilt als sein Vater. Dessen Ausspruch „Du meinst auch, du hättest die Weisheit mit dem Schöpflöffel gefressen“ bewog ihn,  beweisen zu müssen, dass auch er, genau wie damals der junge Meinrad, von ganz unten anfangen konnte, trotz seines glänzend absolvierten Studiums, und deshalb hatte er den Bürobotenjob angenommen. 

Zwei Gläschen alten Cognacs besiegeln das neue Bündnis zwischen Vater und Sohn.

 

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