Nach Hause

von Renate Palme


Ich kauerte in einem Bett, konnte nicht heraus raus, sollte aber zu Hause sein. Grau gesträhntes Haar versteckte, wie ein Schleier mein Gesicht. Den kratzenden Pullover zog ich über den Kopf, um das merkwürdige Ding, das mich am Arm behinderte, besser abstreifen zu können. Darunter juckte und schmerzte es fürchterlich. Die Zudecke war blutverschmiert. Sie musste gewaschen werden. Das Laken entfernte ich und warf alles über die Absperrung.

Eine Dame in weißem Kittel kam herein und ließ das Bettgitter herunter. Ich nannte sie Schwester. Ihren Namen wusste ich nicht. War auch egal, ich wollte sowieso nach Hause.

 Die Pflegerin kleidete mich wieder an, kämmte meine Haare und half mir in einen Rollstuhl. Dabei gaben die alten Beine nach, als wären es Reisigbesen. „Frau Eisenreich, Sie sind letzte Woche vom Bettrand gerutscht. Ihre Hand war gebrochen und ist operiert worden. Die Schiene muss dran bleiben, dann wachsen die Knochen besser zusammen“, behauptet die Schwester. Sie befestigte das starre Ding mit einer Binde abermals an meinem Arm. Ich war sauer und schaute mürrisch drein.

 „ Es ist Kaffeezeit. Im Tagesraum ist schon gedeckt“, sagte das weiße Monster. Beim Verlassen des Zimmers sah ich, dass ein Schild an der Tür mit meinem Namen hing. Frau Juliane Eisenreich. Auf dem Bild darunter war aber meine Mutter abgebildet. Da kannte sich wohl keiner aus. Genauso wie gestern, es erschien ein Herr und behauptete, er sei mein Bruder. Den komischen Kerl hatte ich im Leben noch nie gesehen.

Mittlerweile erreichten wir einen großen Saal, ausgestattet mit vielen Tischen und Stühlen. Die zart orangene Farbe der Wände und das einströmende Sonnenlicht gaben dem Raum eine warme Atmosphäre. Die blau geblümten Vorhänge sowie die Einrichtung entsprachen den Vorstellungen einer älteren Generation. Schwarz-Weiß-Bilder aus früheren Zeiten vermittelten ein Gefühl von Heimat. Manche Bewohner verzehrten Kaffee und Kuchen. Andere lagen teilnahmslos oder schlafend in ihren Sesseln. Eine weißhaarige dünne Frau wiegte, wirr vor sich hin faselnd, eine Puppe in den Armen.

Jetzt musste ich aber schleunigst nach Hause. Es war noch viel zu erledigen. Nervös und mit hervorquellenden Tränen in den Augenwinkeln versuchte ich aufzustehen. Eine Angestellte drückte mich in den Rollstuhl, streichelte mir liebevoll über den Arm und meinte geduldig: „Essen Sie Ihren Kuchen, Frau Eisenreich.“ Inzwischen fühlte sich mein Magen vor Aufregung nach der Lederhaut eines eingetrockneten Apfels an. Warum sollte ich hier in Ruhe eine Linzer-Schnitte essen? Meine Kinder  daheim benötigen mich dringend.

Hektisch zerbröselte ich den Kuchen, tränkte das Ganze mit Kaffee und löffelte alles in die Tasse. Innere Unruhe drängte mich erneut auf die Füße. Abermals schob mich, jetzt eine genervte Person, hilflos seufzend zurück. Angstschweiß perlte auf meiner Stirn wie Tautropfen auf einem Blatt. Ich wollte schreien, konnte nicht. Ein Knödel verklebte mir den Hals.

Gegenüber saß ein alter Mann mit Brille und lichtem Haar. Er redete das Ungeheuer in Weiß, mit zusammengekniffenen Augenbrauen, ärgerlich an: „Sehen sie nicht, die Frau will aufstehen.“ „Ja schon, aber sie kann nicht alleine laufen.“ „Ist doch egal.“ „Dann fällt sie wieder hin.“ „Das merkt sie schon.“ „Vielleicht bricht sie sich die andere Hand auch noch. “Dann ist sie selber Schuld.“

Wie sich das anhört redeten die über mich. Meine aufgewühlten Gedanken schlugen Purzelbäume. Warum war das so schwer zu begreifen? Ich wollte doch nur ganz schnell nach Hause. Das Essen muss auf dem Tisch sein, wenn mein Mann vom Wirt kommt. Sonst schlägt er wieder zu.

 

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