Alina

von Simone Braune


„Du siehst umwerfend aus, mein Lieber.“

Paul ließ sein Spiegelbild charmant lächeln. In seinem Sporthemd und der hellen Jeans wirkte er mindestens zehn Jahre jünger. Nur mit Mühe riss er sich von seinem Anblick los und eilte aus der Wohnung, denn in einer halben Stunde war er mit Alina verabredet. Er musste sich sputen, um pünktlich zu sein.

Paul genoss das Zusammensein mit ihr und an ihr erstes Treffen konnte er sich noch gut erinnern. Es war ein halbes Jahr nach dem Tode seiner Inge. Neunundvierzig Jahre waren sie verheiratet gewesen - eine glückliche Zeit. Danach fiel Paul in ein tiefes Loch und auch jetzt noch graute es ihm, wenn er daran dachte. Er hatte kaum gegessen, nur auf seinem Sofa gesessen und vor sich hingestarrt. Bis Alina kam, sie hatte ihn einfach mitgerissen.

Als er an ihrem Haus eintraf, stand die Tür offen - wie immer.

„Guten Morgen“, rief er in den Flur.

„Hallo, Paul“, schallte es aus einem der hinteren Zimmer.   „Geh schon rein. Ich bin gleich bei dir.“

Paul betrat den grünen Salon. Alina nannte das Zimmer so, weil es in hellen Grüntönen gestaltet war. Ein kleiner Springbrunnen plätscherte leise vor sich hin. Paul legte die CD mit Kuschelklassik ein. Zu den Klängen des Liebes-traums von Franz Liszt zog er sich in aller Ruhe aus. Er wollte bereit sein, wenn Alina kam. Es war warm im Zimmer, sie sorgte immer für die richtige Temperatur.

Paul machte es sich auf der Liege bequem. Er war fast eingenickt, als er plötzlich ihre Hände auf seinem Rücken spürte. Sie strichen sanft von den Schultern bis hinunter zum Becken. Ein wohliger Schauer durchflutete seinen Körper.

„Tut es gut?“, flüsterte sie.

„0h, ja“, stöhnte er leise.

Jetzt begannen ihre Finger zu kreisen. Kleine Wirbel entstanden auf seiner Haut und zogen ihn in einen Strudel der Erinnerung an Zuwendung und Zärtlichkeit, die er so lange vermisst hatte. Alinas Hände glitten auf und ab, malten Kurven und Kreise, fuhren von links nach rechts langsam über ihn hinweg und wieder zurück, drückten, schoben, kneteten ihn. Sie strichen zart ein Muster auf seinen Nacken oder forderten ihn auf dagegen zu halten. Paul schloss die Augen und gab sich Alina vollständig hin. Jedes Teil von ihm stürmte ihr entgegen. Eine Welle der Gefühle überfiel ihn und breitete sich aus – bis ihre Hände ihn verließen.

“Ich muss gehen, denn der Nächste wartet schon“, sagte sie leise. „Du kannst ruhig noch ein bisschen liegen bleiben.“

Paul hörte, wie sie aus dem Zimmer schlüpfte. Er genoss den Augenblick der Stille. Die Musik des CD-Players war verstummt. Nach ein paar Minuten stand er auf und zog sich an. Als er das Haus verließ, pfiff er eine fröhliche Melodie und schmiedete Pläne. Er würde Peter und Dieter anrufen, denn sie hatten sich lange nicht gesehen. Es wurde Zeit für eine Partie Skat. Außerdem musste er jemanden von Alina erzählen. In 3 Tagen würde er sie wieder sehen – seine Physiotherapeutin.

 

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