Ende der Vorstellung

von Susanne Feiner


Hektisch greife ich noch mal nach der Tube mit der Auf­schrift „natural bron­zing effect“. In zwanzig Minuten muss ich los. Ausgerech­net heute ein Pickel am Kinn. Er leuch­tet mir entgegen, als wolle er mich verhöhnen. Wann habe ich mich zuletzt geschminkt, so rich­tig mit allem drum und dran, Make up, Puder, Lippen, Au­gen, Rouge? Muss ungefähr hun­dert Jahre her sein. Besser, ich hätte vorher geübt.

Quatsch, ich werde mich jetzt entspannen, wir gehen nur Kaffee trinken. Sams­tagnachmittag. Ganz harmlos, rein freund­schaftlich. Es sollte eigentlich ein Treffen zu dritt werden, aber Marlies hat gestern abgesagt. Also nur er und ich.

Als ob das etwas ändern würde.

Welchen Lippenstift soll ich nehmen? Den roten, warum nicht? Nein, der ist doch ein bisschen zu knal­lig für tags­über. Wo sind die Kosmetiktücher? So, die Lippe abwi­schen, behutsam und sorgfältig. Mist, verschmiert! Der Pickel lacht mich auch schon wieder aus. Um den küm­mere ich mich gleich, jetzt mache ich erst mal die Augen. Lidschat­ten, Wimperntu­sche. Aua, verdammt, mit dem Mascara-Bürstchen für perfekt definierte Wimpern ins Auge getrof­fen. Sofort tränt es wie verrückt, grau­schwarze Tropfen ziehen Furchen in die Bronze-Schicht. Wie viel Zeit noch? Zehn Minuten, das reicht. Alles auf An­fang. Ganz ruhig.

Schon besser, so geht es. Übung macht den Meis­ter. Ich probiere ein Lächeln vor dem Spiegel. Na also!

Fehlen nur noch die Schuhe. Halbhoch, es ist schließlich kein richtiges Date. Nur Kaffee. Ganz harmlos. Ich will so­wieso nichts von ihm.

Himmel, eine Laufmasche! Schnell eine andere Strumpfhose her, die Schublade durchwühlt. Keine da, verflucht, nur Kniestrümpfe und Socken. Dann kann ich den Rock aber nicht anlassen. Wo ist die enge Jeans? Egal, nehme ich eben die dunkle. Aber zu der passt das Blusen-Shirt nicht. Vorsich­tig auszie­hen, vorsichtig, nicht über das Make up strei­fen. Der  Rolli würde gut zur dunklen Jeans passen, aber den bekomme ich garantiert nicht über mein getünchtes Gesicht. Lieber den V-Pulli. Darun­ter ein weißes T-Shirt. Verflucht, „natural bronzing ef­fect“ auf weiß! Das macht sich nicht gut. Gar nicht gut. Schnell das Shirt wieder ausziehen, zum Glück habe ich noch ein an­deres. Das Tele­fon läutet. Ich kann jetzt nicht, ich gehe einfach nicht ran, wozu habe ich ei­nen An­rufbeantworter. Das frische T-Shirt halb über den Kopf gezo­gen, die gespreizten Finger als Abstandhal­ter vor mei­nem Gesicht, höre ich die Nach­richt.

„Hallo, ich bin`s, du, tut mir leid, aber aus unserem Treffen wird nichts, mir ist was dazwischen gekommen. Echt sorry, aber – vielleicht ein andermal, also bis irgend­wann.“ Piep.

Langsam ziehe ich das T-Shirt herunter. Der Saum des Hals­ausschnitts rutscht über mein Gesicht, verwischt den Lid­schat­ten, den „natural bronzing effect“, den Lippen­stift. Ich stehe immer noch vor dem Spiegel. Wie ein verunglück­ter Clown sehe ich aus. Lachen, das wär`s. Klappt nicht.

Wie in Zeitlupe und ohne die Augen von der Gestalt im Spiegel zu wen­den, ziehe ich ein Kosmetiktuch aus der Packung. Zeit zum Abschmin­ken.

 

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