Arglos

von Tanja Peter


Quentin Rush, Reporter mit Leib und Seele, hatte in seinem Berufsleben schon viel erlebt. Das hier überstieg allerdings sein Fassungsvermögen. Der Gestank im dämmrigen Hinterhof des „Crowne Plaza“ war unerträglich. Es roch nach altem Fett, vergammelten Küchenabfällen und Urin. Unsicher näherte er sich dem Bündel Stoff, das in einer windgeschützten Ecke auf ein paar Kartons lag.
„Joseph Turner?“ Keine Antwort. „Mister Turner, hier ist Quentin Rush vom Pittsburgh Tribune Review. Könnte ich mit Ihnen reden?“

Das Stoffbündel bewegte sich. „Wasn los, Mann?“

„Sind Sie Mister Joseph Turner?“

Ein verfilzter Haarschopf tauchte zwischen den alten Decken auf. „Und wenn, intressierts eh keine Sau!“
„Ich möchte mit Ihnen über „Death risk rankings“ sprechen. Wie ich gehört habe, sind Sie einer der ersten User dieser Website gewesen.“
Blitzschnell war Joseph Turner auf den Beinen und baute sich vor dem Reporter auf. Sein Atem stank nach billigem Fusel. „Lass mich verdammt noch mal mit dem Scheiß in Ruhe! Diese Arschlöcher! Schau dir an, was die aus mir gemacht ham!“

Quentin kämpfte gegen den aufkommenden Brechreiz. Himmel, wie konnte ein einzelner Mann nur so stinken? „Mr. Turner, Tribune Review möchte Sie für ein Exklusivinterview, natürlich gegen eine Entschädigung.“

„Wie viel?“
„Wenn Ihre Auskünfte verwertbar sind - $ 1000.“Die Augen des Obdachlosen weiteten sich. „Du verarscht mich?“

„Keineswegs, wir wollen die Exklusiv-Rechte an der Story.“

„Okay Mann, dann mal los.“

„Kommen Sie mit, wir unterhalten uns an einem gemütlicheren Plätzchen.“ Bei Starbucks um die Ecke bestellte Quentin zwei Coffee to go.

„Also, dann lassen Sie mal hören.“ Joseph nahm einen Schluck aus dem Pappbecher.
„Vor nem Jahr las ich im Netz von ner Website, die für 100 Dollar dein persönliches Todesrisiko rausfindet. Die wollten wissen, wie alt du bist, deine Krankengeschichte, wie du lebst. Dann sagen die dir, wann und woran du abkratzt. Ich dacht mir: Hey, cooler Joke. Das probierste mal. Nach ner Woche hab ich dann Post gekriegt. Von so ner richtigen Klinik und nem Professor Higgins. Die ham mir klar gemacht, dass ich in nem Jahr verreckt bin. An Lungenkrebs. Das hat mich umgehaun. Zwei Wochen vorher hat mir mein Hausarzt nen Tumor in der Lunge gezeigt. Ein Jahr? Gut, dann aber `n Jahr mit allem, was das Leben hergibt! Hab den Job hingeschmissen, und mein Geld für ne lange, geile Party mit Urlaub und Mädels durchgebracht.“ Joseph genehmigte sich einen weiteren Schluck Kaffee.

„Sie sprachen von einem Jahr. Was ist dann passiert?“ Quentin prüfte die Akkuanzeige seines Diktiergeräts.

„War noch mal beim Arzt, Fehlanzeige, kein Tumor, nur ein Schatten auf der Lunge. Tja, un das is alles, was von meim Leben noch übrig is. Kein Job, keine Wohnung, kein Geld“, lachte er zynisch.

Quentin schaltete das Band ab. „Danke für Ihre Offenheit Mr. Turner. Sie hören von mir. Morgen.“ Er erhob sich.

„Moment mal – und die Kohle?“

Rush lächelte. „Ich melde mich bei Ihnen.“ Damit wandte er sich ab und hastete davon.
Am nächsten Morgen hatte der Pittsburgh Tribune eine schreiende Titelstory: „Internetplattform scheffelt Millionen mit der Dummheit ihrer User. J. Turner – das Paradebeispiel amerikanischer Verblendung.“
In den frühen Abendstunden meldeten Spaziergänger die Leiche eines Penners, der sich in einer Ecke des Main Park erhängt hatte.


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