Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Allein
von Carola Vieritz
Er saß am Tisch und sah aus dem Fenster in diesen trüben grauen Tag, wie er es schon die letzten Tage getan hatte. Ein leichter Nieselregen fiel, von der Art Regen, der ganz langsam die Kleidung durchdrang und einen bis auf die Knochen erschauern ließ. Genauso grau, wie es dort draußen aussah, sah es auch in Gustavs Innerem aus. Und jetzt war er auch noch allein. Ganz allein diesmal, denn allein war er ja schon die letzten dreißig Jahre gewesen. Er strich sich durch sein stoppliges Gesicht und dachte daran, dass er sich eigentlich rasieren könnte. Nach ein paar Tagen fing es immer entsetzlich zu jucken an und er hasste dieses Gefühl. Aber selbst dazu konnte er sich nicht aufraffen. Langsam fuhr er sich durch sein dünnes Haar, das sich in den letzten zehn Jahren unaufhaltsam gelichtet hatte. Aber was sollte es auch, er war nun fünfundsechzig Jahre alt und eine Schönheit war er sowieso nie gewesen. Damals, vor fünfunddreißig Jahren, als Gertrud ihn wirklich erhört hatte, war er selbst ganz erstaunt gewesen, was sie an ihm fand. Wurde er doch immer gehänselt wegen seiner knapp 165 cm Körpergröße, seiner O-förmigen Beine, seines kleinen runden Gesichts, in dem die wachen blauen Augen, die wirklich ausdrucksvoll waren, in den Hintergrund traten und das Ganze eher von der knolligen Nase dominiert wurde, die ihn im Gesamtbild einem Gnom ähneln ließ. Aber Gertrud hatte besonders diese Augen geliebt, so sagte sie damals jedenfalls, und er hatte auch keinen Grund, ihr dies nicht zu glauben. Schön waren sie gewesen, die ersten gemeinsamen Jahre. Sie hatten sich hier in dem kleinen Dorf, in dem er aufgewachsen war, ein einfaches, aber glückliches Heim geschaffen und ein harmonisches Leben geführt. Ihre beiden Söhne wurden hier im Haus geboren, damals war es eben noch üblich und das Krankenhaus zu weit entfernt und zu teuer. Unvorstellbar wäre das heute und sogar seine Kinder lächelten nur spöttisch darüber, wenn in mancher Runde das Gespräch auf diese Zeit zurückkam. Sie hatten sich ein kleines Glück geschaffen und hätten es auch heute noch, wäre damals nicht dieser Unfall gewesen. Musste dieser von allen bewunderte und in der Dorfgemeinschaft so hoch gestellte Daniel, seines Zeichens Bürgermeistersohn, ausgerechnet vor
ihrem Haus von seinem Fahrrad stürzen ? Und musste seine hilfsbereite Frau ausgerechnet in diesem Augenblick im Garten arbeiten und ihm zu Hilfe eilen ? Natürlich hatte er ihr schöne Augen gemacht, wie er es ja bei jedem einigermaßen hübschen Mädchen zu tun pflegte und Gertrud war damals ausgesprochen hübsch gewesen mit ihrem langen blonden Haar, das sie nach der damaligen Mode mit einem Haarband aus Stoff zurückhielt, immer passend zu dem Kleid, das sie gerade trug. Ihre Figur hatte nach der Geburt ihrer beiden Söhne in keiner Weise an Reiz verloren, sie war sogar noch fraulicher geworden. Kein Wunder, dass dieser Filou es auch bei ihr probiert hatte und sie fiel darauf herein. Gustav wusste sofort, als sie ihm von der erneuten Schwangerschaft erzählte, dass dieses Kind nicht von ihm stammte. Auch wenn er versucht hatte, das verstohlene Geschwätz im Dorf nicht zu beachten, so war er sich der Veränderung sofort bewusst gewesen. Er war verletzt, noch nie im Leben war er so verletzt gewesen und er dachte, dass er diesen Schmerz nicht aushalten konnte. Und doch hielt er es aus, diese ganzen Jahre. Sie trennten sich nicht, denn der Bürgermeistersohn hatte ja nur ein kleines Abenteuer gesucht. Aber verzeihen konnte er ihr einfach nicht. Er konnte kaum ins Gesicht seines vermeintlich Jüngsten sehen, waren es doch ganz andere Augen, die ihn anblickten. Sie sprachen nicht viel. Er musste kurz auflachen, denn „nicht viel“ war eine gehörige Übertreibung. Sie kochte, sie pflegte das Haus, sie kümmerte sich um die Kinder und verbrachte ihre Abende mit langen einsamen Spaziergängen. Bis vor einem Jahr hatte er noch denn ganzen Tag im Sägewerk bei seiner Arbeit verbracht und nun im Ruhestand kümmerte sich um das kleine Waldstück, das er vererbt bekommen hatte und machte seine Holzschnitzereien. Sie gingen sich aus dem Weg, seit 30 Jahren. Und vor drei Tagen war sie dann einfach zusammengebrochen, wurde ins Krankenhaus gebracht und da lag sie nun. Herzinfarkt, hatten sie gesagt, und dass es nicht gut aussah. Und er war hier allein. Er war sich nicht bewusst gewesen, dass es noch eine Steigerung des Alleinseins geben konnte. Ein Ruck ging durch seinen Körper. Er erhob sich, drehte sich suchend im Zimmer um, griff nach seiner Jacke und lief, von einer plötzlichen Eingebung gepackt, zur Tür. Er würde sie besuchen, jetzt, und er würde mit ihr sprechen.



