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Arztbesuch
von Erika Guthardt
Am nächsten Morgen wachte er tot auf.
Dies bemerkte er allerdings erst am späten Nachmittag, als einige seiner Kollegen ihn darauf aufmerksam machten, wie blass er sei und er seinen Puls fühlte. Er hatte immer einen schwachen Kreislauf gehabt, jetzt allerdings besaß er gar keinen mehr.
Mittlerweile saß er im Wartezimmer seines Hausarztes und wippte ungeduldig mit den Beinen. Sein nicht vorhandener Puls machte ihn nervös und er sah sich unsicher im Raum um.
Mit ihm warteten noch zwei ältere Herren, ein Mann Mitte dreißig und eine schwangere Frau, die alle mehr oder weniger aufmerksam in den ausgelegten, üblichen Zeitungen blätterten.
Er zuckte ungewöhnlich heftig zusammen, als sein Name durch den Lautsprecher des Warteraums schallte und die Schwangere starrte ihn einen Moment irritiert an, schüttelte dann jedoch den Kopf und widmete sich wieder ihrer Gartenzeitschrift.
Nervös fuhr er sich durch die Haare und wurde noch etwas unruhiger. Der Arzt vor ihm war ihm unbekannt und er fragte hastig: „Wo ist der Doktor?“
Der Fremde sah von seiner Akte auf, starrte ihn einen Augenblick an, bevor er antwortete: „Im Urlaub. Ich bin die Vertretung. Haben Sie das Schild vorne nicht gesehen?“
Er schüttelte den Kopf.
„Sie können es sich beim Hinausgehen noch mal angucken“, meinte der Arzt beiläufig und griff nach seinem Handgelenk. Noch bevor der Doktor etwas sagen konnte, fing er an zu reden: „Mein Puls ist ganz schwach, ich spüre ihn eigentlich gar nicht. Und meine Gelenke schmerzen unheimlich, als könnte ich sie nicht bewegen.“
Der Arzt sah ihn einen Moment an und nickte. „Das ist die Leichenstarre, machen Sie sich nichts draus. Das ist bei Toten so.“
„Wie bitte?!“
„Nun, sie sind tot, falls Sie es noch nicht bemerkt haben. Und Leichenstarre ist etwas ganz Natürliches. Nun, in den seltensten Fällen können Betroffene darüber berichten, aber gut.“
Ihm klappte der Mund auf und seine Gedanken rasten schwirrend im Kreis. Er hatte viele Fragen, aber er wusste nicht, welche er zuerst stellen sollte, als plötzlich die ruhige Stimme des Arztes sein Gedankenkarussell unterbrach.
„Legen Sie sich bitte dort auf den Bauch.“ Der Arzt zeigte auf eine normale, weiße Liege.
Vollkommen verwirrt nickte er und etwas Hoffnung keimte in ihm auf, als er dem Gesuch schnell nachkam.
„Bleiben Sie bitte still liegen.“
Man hörte das Hantieren mit Gerätschaften und das Geräusch eines Gewindes.
„Was werden sie jetzt tun?“ Unsicher, aber immer noch vertrauensvoll hoffend, fragte er nach, wagte aber nicht, sich zum Arzt umzudrehen.
„Ich werde Ihnen etwas verabreichen. Das einzige, was in Ihrer Situation hilft“, sagte der Doktor nüchtern und überprüfte, ob der Schalldämpfer richtig auf dem Lauf saß.
„Bitte liegen bleiben“, meinte er, setzte die Waffe an den Hinterkopf und noch bevor der Tote nicken konnte, durchbohrte die Kugel das schon verwesende Hirn.
Der Körper sackte reglos auf der Liege zusammen.



