Die Eukalyptusmethode

von Claudia Heitkamp


Jemand rüttelte an ihrer Schulter. Sie schlug die Augen auf und blickte in ein faltiges, braungebranntes Gesicht. Wache, türkisblaue Augen sahen sie an. „Schnell! Du musst aufstehen!“, sagte die Frau und zerkaute ein Bonbon. Es knackte und knirschte und roch nach Menthol.

„Los, Janna, steh auf, sonst schaffen wir das nicht mehr.“ Das!

Janna erschrak und fuhr hoch. „Oh, nein! Wie spät ist es?“

„Halb acht. Deshalb sag ich ja die ganze Zeit, dass du aufstehen sollst.“

„Warum hast du denn den Wecker nicht gestellt?“, fragte Janna in der Küche, warf ihrer Mutter einen wütenden Blick zu und zerrte an den kurzen Bändern ihrer Schürze, die noch aus Kindertagen stammte.

„Hab ich ja. Ich kann auch nichts dafür, dass er ausgerechnet heute sei­nen Geist aufgibt“, sagte ihre Mutter, die noch ihr Nachthemd trug. Sie öffnete den Kühlschrank, zog vier Servierplatten mit Wurst und Käse heraus, balancierte sie auf den Armen und schubste mit ihrer Schulter die Kühlschranktür zu.

„Und warum holst du schon den Aufschnitt raus? Wir müssen doch erst Butter auf die Brötchen schmieren. Hast du die überhaupt schon geschnitten?“

Janna suchte nach Brötchenhälften, doch sie entdeckte bloß zwei prall gefüllte Bäckertüten. Sie lagen auf einem der riesigen Silbertabletts, auf denen die belegten Brötchen für eine Familienfeier angerichtet werden sollten.

„Nein, hab ich nicht“, sagte ihre Mutter, stellte die Aufschnittplatten auf die Arbeitsfläche neben dem Herd und griff in die Tüte, die dort lag. Eukalyptus Menthol Bonbons extra stark. Sie wickelte ein Bonbon aus dem grünen Papier und steckte es in den Mund.

„Verdammt noch Mal! Wir müssen um neun liefern und du stehst hier seelenruhig im Nachthemd rum und frisst die ganze Zeit diese dämlichen

Bonbons? Kannst du mir mal verraten, wie das noch klappen soll?“

Jannas Mutter verschränkte die Arme vor der Brust.

Du musst um neun liefern. Du hast den Catering Service gegründet. Du bist verantwortlich dafür, dass das klappt. Es wird langsam Zeit, dass du erwachsen wirst, Janna. Mit fünfundzwanzig Jahren. Am liebsten würde ich dich rausschmeißen, weißt du das eigentlich?“

Die türkisblauen Augen ihrer Mutter funkelten. An ihrer Wange bildete sich eine Beule und dann klackerte das Eukalyptusbonbon zwischen ihren Zähnen, als sie es mit der Zunge von einer Backentasche in die andere schob.

„Ich hasse dieses blöde Klackern in deinem Mund. Ich ertrage das nicht mehr. Und ich sag dir eins! Wenn mein Catering Service Erfolg hat, dann ziehe ich aus!“, schrie Janna, packte sich eine der Brötchentüten und riss sie auf. Die Brötchen stürzten aus der Tüte und verteilten sich über den Tisch. Einige kullerten auf den Rand zu.

„Bitte, wenn du mich nicht mehr brauchst …“, sagte ihre Mutter.

Sie schlüpfte aus der Küche, während ihre Tochter die Brötchen bändigte, schnappte sich im Flur das schnurlose Telefon, stahl sich ins Arbeits­zimmer, zog die Tür zu, spuckte das Bonbon in den Papierkorb und wählte die Nummer ihrer besten Freundin.

„Hallo, hier ist Karin. Du, es hat geklappt. Der Tipp mit den Eukalyptus­bonbons war genial. Janna kann es nicht mehr ertragen, dass ich die dauernd esse, sie hat eben zum ersten Mal selbst gesagt, das sie ausziehen will.“

„Siehst du?“, sagte ihre Freundin, „hab ich dir doch gesagt. Die Eukalyptusmethode funktioniert immer. Umgib dich mit strengen Gerüchen, so dass sie dich nicht mehr riechen können, gib Geräusche von dir, die sie nerven, entwickle Marotten und du wirst sie los. Und wenn sie dann weg sind, kann man mal wieder so richtig durchatmen!“

 

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