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In flagranti
von Alexandra Iseli
Erleichtert lieβ Petra die Sporttasche fallen und zückte ihren Hausschlüssel. Nun war ihr Bett nicht mehr weit. Schon heute Morgen hatte es in ihrem Kopf leise, aber stetig gepocht. Während des Tages war der Schmerz immer schlimmer geworden und mittlerweile hatte sie das Gefühl, als würde eine Schraubzwinge immer enger um ihren Kopf gespannt. Ursprünglich wollte sie heute zum Aerobic, aber ihr Kopf lieβ das nicht zu. Ruhe und Schlaf war das einzige, was sie jetzt brauchte. Mit Erstaunen stellte sie fest, dass die Tür nicht abgeschlossen war und Martins Schlüssel von innen steckte. Seit er den neuen Job vor drei Monaten angetreten hatte, war er nie mehr vor 20 Uhr zu Hause. Vielleicht fühlte sich Martin nicht gut, genau wie sie.
„Martin?“, eigentlich wollte sie rufen, doch ihrer Kehle entrang nur ein leises Flüstern. Darauf konnte sie wohl keine Antwort erwarten. Sie schleuderte ihre Pumps unter die Bank im Flur und hängte ihre Jacke an die Garderobe. Anschlieβend schlich sie mit schmerzverzerrtem Gesicht durchs Wohnzimmer. Nur noch ein paar Schritte, dann hatte sie ihr Schlafzimmer und das Bett erreicht. Sie hielt inne, legte den Kopf schief und lauschte. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Schlafzimmer. Schlagartig war ihr Verstand hellwach und die Kopfschmerzen wie weggeblasen. Das Stöhnen, das an ihre Ohren drang, war ohne Zweifel Martin zuzuordnen. Unglaublich! Ihr eigener Mann betrog sie, in ihrem Ehebett, mit einer anderen Frau. Eine unbändige Wut begann in ihrem Magen zu brodeln. Ihr Atem beschleunigte sich und ihre Kehle wurde von einem riesigen Kloβ verschlossen. Was jetzt?
Sie hatte es schon länger geahnt. Er arbeitete oft bis in die Nacht hinein und seine Hemden rochen häufig nach einem fremden Parfum. Beim Weihnachtsessen hatte sie seine Sekretärin, ein vollbusiges, blondes Flittchen, maximal dreiundzwanzig, kennen gelernt. Doch als sie Martin darauf angesprochen hatte, machte er sich nur lustig über sie. Sogar Nils, seinen schwulen Arbeitskollegen, hatte sie einmal unter vier Augen gefragt. Der hatte ihr gegenüber zwar eingeräumt, dass die Sekretärin immer in kurzen Röcken und tiefen Ausschnitten umherstolzierte, aber Martin habe mit Sicherheit kein Verhältnis mit ihr. Nichtsdestotrotz war ihre weibliche Intuition richtig gewesen. Anscheinend belog er sie schon mehr als zwei Monate. Dieses Schwein.
Die Geräusche aus dem Schlafzimmer wurden lauter, das Stöhnen heftiger. Ihr Gesicht hatte sich rot gefärbt, sie kochte innerlich. Dieses Arschloch hatte tatsächlich den Nerv, sie zu betrügen und das nach sechs Jahren Ehe.
Vielleicht sollte sie die Scheidung einreichen. Aber zuerst wollte sie ihn noch dabei überraschen und gleich zur Rede stellen. Diese blonde Tussi konnte von Glück sagen, wenn sie noch alle Kleider horten konnte, bevor sie aus dieser Wohnung flog. Zitternd vor Wut berührte sie das kalte Metall der Klinke. Drei, zwei, eins, sie stieβ die Tür nach innen auf. Der Anblick schockierte sie zutiefst. Petra stand mit offenem Mund im Türrahmen und konnte sich nicht mehr bewegen. Die drei starrten sich an und keiner sagte etwas. Im Bett war Martin, nackt und zugegeben in eindeutiger Pose, aber es war nicht das blonde Flittchen, das neben ihm lag. Es war Nils, der vor ihrem Mann auf dem Bett kniete.



