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Leider verloren
von Heike Kroll
„Warum nochmal sind wir heute hier?“ fragte Shad und sah sich um. Fast alle Tische waren besetzt. Sie würden mehr Aufmerksamkeit bekommen, als ihm lieb war. „Ich weiß zwar, wozu ich hier bin, aber interessanterweise immer noch nicht, warum.“
Kay nippte an ihrem Wein. Er schmeckte schrecklich. Sie verzog das Gesicht und stellte das Glas wieder zurück auf den Tisch.
„Schuld daran ist unsere ‚Olympiade‘ letzte Woche.“
„Dieses fragwürdige Ritual, bei dem die Fitness aller Patrouillenoffiziere bestimmt werden soll?“ Shad hob überrascht den Kopf.
„Nicht von allen. Führungsoffiziere sind davon selbstverständlich ausgenommen“, grummelte Kay.
„Und was genau hat das jetzt mit unserem kleinen Problem zu tun?“ wollte er wissen.
„Die Tatsache, dass ich diejenige war, die von meiner Einheit am schlechtesten abgeschnitten hat.“ Ein zorniges Funkeln trat in ihre Augen. „Dabei konnte ich wirklich nichts dafür, dass mir dieses verdammte Insekt gerade im unpassendsten Moment ins Auge geflogen ist. Ich habe dadurch den gesamten letzen Durchgang am Schießstand verpatzt und gerade mal die Hälfte meiner üblichen Punktzahl erreicht. Ich habe praktisch blind geschossen.“
„Unter diesen Umständen war deine Leistung sehr beachtlich“, befand er ehrlich.
„Trotzdem hat es intern nur für den letzten Platz gereicht“, grollte sie.
„Okay, das ist ärgerlich. Aber ich verstehe immer noch nicht, weshalb du – weshalb wir – heute abend hier sind“, fing er wieder an.
„Es hat in unserer Einheit Tradition, dass im Vorfeld für den ‚Loser des Tages‘ eine Aufgabe festgelegt wird. Eine möglichst unangenehme natürlich“, antwortete sie verstimmt. „Ich muss zugeben, dass ich nie im Leben damit gerechnet hätte, selbst einmal in die Verlegenheit zu kommen, diese Suppe auslöffeln zu müssen. Deswegen bin ich auch sehr froh, dass du mir dabei hilfst.“
Es war mehr als offensichtlich, dass er dieses Gefühl nicht mit ihr teilen konnte. Kay betrachtete ihn aufmerksam von der Seite. Der Blick aus seinen – wie sie immer wieder feststellen musste – faszinierenden meergrünen Augen war starr nach vorn gerichtet, die Kiefer fest aufeinander gepresst. Vermutlich bedauerte er gerade wieder einmal, sich auf diese Wette eingelassen zu haben.
Es war nicht wirklich fair von ihr gewesen, ihm diese Wette vorzuschlagen, wohlwissend, dass sie eigentlich gar nicht verlieren konnte. Und ihm dabei das Versprechen abzuverlangen, sie heute zu begleiten und, viel wichtiger noch, aktiv zu unterstützen. Aber es schien ihr die einzige Möglichkeit, dass der schüchterne Pilot in eine Verabredung einwilligte.
„Du fliegst heute besser nicht mehr zurück“, empfahl sie kopfschüttelnd, als er seinen dritten Cognac bestellte. „Du kannst bei mir auf dem Sofa übernachten."
„Das ist sehr freundlich von dir, Kay, vielen Dank. Aber ich hab mir in weiser Voraussicht bereits ein Zimmer im Hotel nebenan besorgt.“
„Auch gut.“ Sie zuckte die Achseln. „Dann brauche ich mir wenigstens keinen Kopf darum zu machen, ob du eventuell schnarchst.“ Ein wenig enttäuscht war sie schon, dass er nicht auf ihr Angebot eingegangen war, doch sie hatte keine Zeit, sich weiter darüber Gedanken zu machen. Ein Wink von der anderen Seite der Bar rief sie ins Hier und Jetzt zurück.
„Es ist soweit“, schluckte sie und zupfte an seinem Ärmel. Shad erhob sich seufzend. Im Stehen leerte er den Cognac, den der Kellner vor wenigen Augenblicken an den Tisch gebracht hatte, in einem Zug. Kay zog ihn auf die kleine Bühne, die im Moment noch gnädigerweise von einem dicken Vorhang verhüllt war.
„Shad?“
„Hm?“
„Danke. Ohne dich würde ich das nicht schaffen.“
In diesem Moment begann sich der Vorhang langsam zu öffnen. Helles Scheinwerferlicht fraß sich durch den immer größer werdenden Spalt und ließ beide blinzeln. Das erwartungsvolle Gemurmel der Anwesenden wurde von einer lauten Ansage übertönt. „Meine Damen und Herren, herzlich willkommen zu unserem heutigen Karaoke-Abend. Bitte begrüßen Sie mit mir unsere ersten beiden Gäste – Kay und Shad! Applaus!“
Das passiert mir niemals wieder, schwor er sich feierlich, atmete tief durch und trat hinaus ins grelle Scheinwerferlicht.



