Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Ruhestand
von Christiane Lohrenz
„... und für Ihren neuen Lebensabschnitt wünschen wir Ihnen weiterhin alles Gute, Gesundheit und viel Freude. Endlich können Sie das tun, wofür Sie vorher keine Zeit hatten.“
Es folgten Händeschütteln, Häppchen und Smalltalk.
Dann war er bei mir zu Hause. Mit fünfundsechzig hatte mein lieber Mann seinen wohlverdienten Ruhestand erreicht und konnte sich all den Dingen widmen, die früher zu kurz gekommen waren.
Unser Heim verwandelte sich schnell in eine Baustelle. Hier wurde repariert, dort verschönert – oh ja, geschickt war mein Georg. Den Dreck, den musste ich übersehen.
Als nächstes erlebte der Garten eine Renaissance. Während ich in der Sonne brutzelte, sauste er wie ein Weltmeister durch die Beete, pflanzte ein und um, zupfte Unkraut und mähte den Rasen.
Zwischendurch ein traumhafter Urlaub, so hielten wir das Leben aus.
Der Herbst zog ins Land und mit ihm eine Zeit, in der Georg all seine geplanten Aufgaben bewerkstelligt hatte.
„Hallo Schatz, kann ich dir helfen?“ Mein Liebster schaute zur Küchentür herein. Er suchte ein neues Betätigungsfeld – und das in meiner Küche!
„Ja ...“, zögerte ich, „du kannst die Bohnen schnippeln.“ Ich vermutete, dass er sich auf diese Arbeit stürzen würde, um sie fachgerecht auszuführen. Weit gefehlt.
„Schatz, bevor wir hier vernünftig kochen können, sollten wir mehr Platz schaffen.“ Sofort landeten einige Dinge im Müll, andere, die ich mir zurecht gelegt hatte, im Schrank.
„Dies ist meine Küche und nicht deine Werkstatt!“ Gereizt kramte ich alles wieder hervor.
Eine Weile schnippelte er wortlos an seinen Bohnen herum, während ich das restliche Gemüse putzte. Dann brach es aus ihm heraus: „Du könntest deine Küche viel effizienter nutzen, wenn du umräumen würdest. Die Töpfe stehen völlig falsch. Wenn du sie ...“
„Die Töpfe stehen seit Urzeiten so und sie werden dort bleiben“, unterbrach ich ihn.
„Stell dir vor, das Geschirr steht oben, die Töpfe darunter und die Gewürze neben dem Kochfeld. Du hast viel kürzere Wege und sparst Zeit.“ Sprachlos starrte ich ihn an. Wieso ließ er mich nicht in Ruhe kochen? Jahrelang hatte ich alles allein gemeistert: Kinder, Haushalt, Garten und Beruf. Jetzt versuchte Georg mir einzureden, ich müsse meine Vorgehensweise ändern. Pausenlos erteilte er mir von nun an gute Ratschläge. Mal waren es die Kartoffeln: „Du darfst sie vorm Pellen nicht in kaltes Wasser tauchen“, dann das Fleisch: „Ich habe gelesen, dass es mariniert zarter wird.“
„Ich habe gelesen ...“ wurde sein Standardsatz, mich brachte er an den Rand des Wahnsinns. Etwas musste geschehen.
„Papa braucht eine Beschäftigung!“, das war die einhellige Meinung unserer Kinder, als ich ihnen mein Leid klagte. „Lass uns nur machen.“
Ein paar Tage später stand Nils, unser Jüngster, vor der Tür. In der Hand hielt er eine Wäscheleine, an der ein zotteliges Hundebaby zappelte. „Stellt euch vor, dieser süße Kleine wurde ausgesetzt. Festgebunden am Baum vor meinem Haus, so habe ich ihn gefunden.“
Georg beugte sich zu ihm hinunter und der Welpe beschnupperte vorsichtig seine Finger. „Welch schrecklicher Mensch kommt auf solch eine Idee. Du Armer, komm her, du siehst ja erbärmlich aus, völlig abgemagert.“
Auf mich machte er keinen erbärmlichen und abgemagerten Eindruck, im Gegenteil, er schien wohlgenährt zu sein. Aber ich hütete mich, auch nur ein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren. Als die beiden in der Küche verschwanden, zwinkerte Nils mir zu: „Papa hat sein neues Opfer gefunden.“
„Oh ja, und es wird einmal ein Prachtexemplar werden“, grinste ich. „Unser neuer Mitbewohner kann sich auf einen perfekten Lehrmeister freuen.“



