Schatten und Licht

von Thomas Greiner


Das „Dead Man Walk“ war wieder mal brechend voll. Kein Wunder am Freitagabend, zwischen Mitternacht und Morgendämmerung. Der Szeneschuppen war gleichermaßen beliebt bei Jugendlichen und bei sich jugendlich gebenden  Männern und Frauen und denen dazwischen.

Die Nachtschwärmer zuckten und tanzten zu harten Bässen der Lautsprecheranlage, beleuchtet von Lichtblitzen aus zahlreichen Scheinwerfern. Die Hitze lag bleiern über der Tanzfläche; es war stickig. Die Luft stank nach Schweiß, Zigarettenqualm und nach zu viel überschüssigem Testosteron.

Endlich hatte Jacko sich von seinem Schreibtisch mit den ebenso langwierigen wie langweiligen Internet- und Telefonrecherchen gelöst und sich aufgerafft, seinen depressiven Mitternachtsblues mit lauter Musik, ein paar Drinks und niveaulosen Gesprächen mit bleichen, weiß-geschminkten oder bekifften Frauen auszutreiben.

Mit Mühe und Ellbogeneinsatz drang er zur Bar vor, bestellte sich ein Wasser und einen Wodka-Lemon. Der Barkeeper wusste Bescheid, wie es sich Stammgästen gegenüber gehörte: 4 Teile Wodka auf Eis, zart benetzt von einem Teil Bitter-Lemon.

Jacko war oft hier. Vor allem an den Wochenenden, wenn er es weder im Büro noch Zuhause allein aushielt und es ihn hinaustrieb in die Nacht. Heute legten die beiden DJs gute alte, extrem laute Punk-Musik auf die altmodischen Plattenteller. Er liebte es, wenn die Nadel in der Rille hängen blieb oder einen Sprung machte, weil jemand an den Tisch stieß.

Neben den paar übrig gebliebenen Altpunks mit Bierwampe und lichtem Haar irrten noch magere Jungmänner mit ziellos-unruhigem Blick durch die Menge, während die Ersteren zur Musik wippten, sich langsam besoffen und bedauerten, dass sie trotz übermäßigem Drogen- und Alkoholkonsum noch immer lebten.

Im Gegensatz dazu hatten die jüngeren Barbesucher neben der Sauferei noch Frauen im Kopf und im Blick. Meist reichte es nur zum Angaffen, vom Aufreißen und der Aussicht auf eine schnelle Nummer konnte nicht die Rede sein.

Denn heute waren offenbar nur weibliche Wesen in Begleitung hier, keine Solotänzerinnen. Nur Paare in meist schwarzer Kluft, die jungen Frauen im Mini und löchrigen Strumpfhosen oder Leggins. Dazu nabelfreie Tops und Shirts, die bleiche Haut mit  Tattoos und Piercings veredelt. Junge Dinger mit kleinen Titten und mehr oder weniger erotischer Ausstrahlung, wie Jacko nach einem müden und kurzen Blick in die Runde feststellte.

Doch dann blieb sein Blick an einer Frau hängen, die urplötzlich auf der Tanzfläche in gleißendes Scheinwerferlicht gehüllt gedankenverloren vor sich hin tanzte. Ihre Ausstrahlung und Schönheit zog nicht nur Jacko in ihren Bann. Einige Tänzer versuchten durch wildes, schnelles Gezappel ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatte für diese Bemühungen nur ein spöttisches Lächeln übrig.

Schließlich suchte sie sich einen Weg durch die Menge zur Bar. Ihr Blick traf Jacko wie ein Blitz; in diesen Augen würde er nur zu gern versinken. Er rutschte schnell von dem Barhocker und bot ihr mit einer eindeutigen Handbewegung seinen Platz an. Mit einem überraschten Nicken kam sie auf ihn zu, setzte sich und bestellte sich beim Barkeeper einen Drink.

"Vielen Dank, es gibt doch noch Kavaliere in diesem Schuppen. Dann besteht ja noch Hoffnung für die Welt." Ihre Stimme klang warmherzig und dunkel, ihre mandelförmigen Augen lächelten ihn an; er lächelte zurück. "Und es gibt doch noch strahlende Ladys in dieser dunklen Nacht." "Darauf stoßen wir an. Ich bin übrigens Destiny." "Da bin ich mir sicher", lachte Jacko und die Nacht nahm ihren Lauf.     

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