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Sparmaßnahmen
von Barbara Moosmann
Hauert, seines Zeichens CEO der Bank Universal AG, ist ein Mann mit Prinzipien. „Hart, aber gerecht“ ist seine Devise.
Am heutigen Meeting wird er sein hohes Berufsethos einmal mehr unter Beweis stellen können. Die Tragweite des einzig anstehenden Traktandums würdigend, hat er Frau Bühlmann angewiesen, heute keine Häppchen zu reichen. Er setzt damit ein klares Zeichen. Die Finanzkrise macht auch vor der obersten Führungsetage der Bank Universal nicht Halt.
„Werte Anwesende“, eröffnet Hauert die Sitzung, „die Quartalszahlen, die mir Kollege Böhlen unterbreitet hat, sind Besorgnis erregend.“ Betretenes Schweigen macht die Runde. Aberegg, Leiter Vermögensverwaltung, nestelt nervös an seiner Krawatte. Personalchefin Weisshaupt streicht ihren faltenlosen Rock glatt, und Logistikchef Krüger starrt auf seine manikürten Fingernägel. Nur Böhlen, Leiter Finanzen, sitzt da wie die Made im Speck und sonnt sich in seiner Position als Überbringer der schlechten Nachricht.
„Vor der Veröffentlichung der Zahlen müssen wir den Medien griffige Sparmaßnahmen präsentieren“, fährt Hauert bedeutsam fort. „Die Analysten werden uns in der Luft zerreißen.“
Aberegg, seit drei Monaten im Amt, rechtschaffen und ehrgeizig, sieht seinen Moment zur Profilierung gekommen. Kühn ergreift er das Wort.
„Wir gehen mit gutem Beispiel voran und verzichten auf die Boni. Darauf stürzen sich die Journalisten doch als Erstes.“ Selbstzufrieden lehnt er sich zurück. Krüger, Weisshaupt und Böhlen starren ihn konsterniert an. Hauert sieht sich gezwungen, einzugreifen. Kühl wendet er sich an Aberegg.
„Ich hoffe doch sehr, dass das ein schlechter Scherz war. Frau Bühlmann“, weist er die Sekretärin an, „streichen Sie Herrn Abereggs Vorschlag aus dem Protokoll. Wir wollen ihn doch nicht zum Gespött machen.“ Mit süffisantem Lächeln und hochgezogenen Augenbrauen wendet er sich wieder der Runde zu. Krüger, Weisshaupt und Böhlen grinsen gehorsam mit und ignorieren den gescholtenen Aberegg geflissentlich.
Frau Weisshaupt wagt einen zaghaften Vorstoß. „Man könnte den Gratiskaffee für die Mitarbeiter abschaffen.“
„Sehr gut“, lobt Hauert, „das führen wir unter dem Titel ‚Gesundheit am Arbeitsplatz’ ein. Nehmen Sie das zu Protokoll, Frau Bühlmann.“
Nun, da die Stoßrichtung klar ist, überwerfen sich alle mit Vorschlägen.
„Weihnachtsessen ohne Partner. Kostenreduktion fünfzig Prozent“, meldet sich Krüger mit geschwellter Brust.
„Erstattung von Reisespesen erst ab zwanzig Euro“, ereifert sich Böhlen händereibend. „Stichwort: Verbesserung der Ökobilanz.“
„Kein Teuerungsausgleich“, übertrumpft ihn Aberegg und macht seine Scharte wieder wett. „Sparpotenzial im sechsstelligen Bereich. Bei der angespannten Lage können wir uns keine großen Sprünge erlauben.“
Nachdem die Zukunft der Bank Universal auf diese Weise nachhaltig gesichert ist, hebt Hauert die Sitzung befriedigt auf. Die Umsetzung der Maßnahmen wird bei der Belegschaft Protest hervorrufen, da macht er sich keine Illusionen. Doch zum Wohl der Bank muss jetzt jeder einzelne den Gürtel enger schnallen und seinen Teil dazu beitragen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Allen voran er, Hauert.
„Ach, bevor ich es vergesse“, beauftragt er im Hinausgehen Frau Bühlmann, „reservieren Sie für die Geschäftsleitung bitte sechs Doppelzimmer im Palace für das Golfturnier auf Mallorca nächste Woche. Vollpension, und sehen Sie zu, dass der Firmenjet bereit steht. Und Krüger“, wendet er sich an den Logistikchef, „die beigen Ledersitze im neuen Jaguar sind doch einen Tick zu hell. Meine Frau zieht ocker vor, lassen Sie sie doch bitte ersetzen.“



