Teufelswerk

von Sabine Tieste


Der Priester betrat das Haus mit einem ernsten Gesicht. Er hielt ein Kruzifix in der rechten, ein Schälchen mit Weihwasser in der linken Hand. Hinter ihm drängten sich Frauen aus dem Dorf, ihre bunten Kopftücher leuchteten in der kalten Wintersonne. Milutin, der Hausherr, selbst im Priestergewand der orthodoxen Kirche, blickte den Geistlichen ernst an: „Er ist in der Scheune. Wieder konnte ich ihn nicht davon abhalten.“ Djuka, die Frau Milutins, blickte zu beiden voller Angst durch einen Vorhang von Tränen hindurch, dann ließ sie sich kraftlos auf einen Stuhl sinken. Die Priester wandten sich um, die Frauen wichen zurück, nur, um eine schmale Gasse zu bilden, nur, um nichts zu verpassen. Bedächtig und würdig schritten die beiden Schwarzgewandeten hindurch, eilig folgten die Dorfweiber, hin zu den Stallungen an der Rückseite des Hauses.  Vor der großen Scheune geboten die Priester Stille. Sie sprachen ein lateinisches Gebet, besprenkelten das Tor mit Weihwasser und stießen es mit einem Ruck auf.

Ein einziger, gleißender Lichtstrahl fiel durch das Tor in die staubige und frostige Luft der Scheune. Im Stroh saß ein geblendeter und zutiefst erschrockener Knabe von vielleicht vier, fünf Jahren. Mit Entsetzen sahen die Priester, dass er trotz des Frostwetters barfuß war. Ein alter Eimer aus verbeultem Blech lag zu seinen Füßen. Die Augen des Priesters weiteten sich in Gewissheit, als eine verschreckte, rabenschwarze Katze mit gesträubtem Fell wie ein Blitz aus der Scheune floh und durch die Menge entschwand.

„Was soll das ? Ich versuche, wichtige Dinge im Dunklen zu ergründen“, der Junge sprach mit einer Ernsthaftigkeit und einem Nachdruck, die nicht zu seiner Erscheinung passen wollten. „Er ist wirklich besessen!“ „Hast du den Satan in der Katze gesehen, wie er geflohen ist, als die Priester kamen?“ Aufgeregt tuschelten die Frauen. „Er kam mir schon immer eigenartig vor!“ „Er hat im Dorf keine Freunde!“ „Die anderen Kinder meiden ihn zurecht!“ „Weißt du noch, wie er bei dem schlimmen Gewitter das Haus verließ, um näher bei den Blitzen zu sein?“ „Ein Kind ohne Angst, er muss besessen sein!“

Die Priester hoben die Kreuze und begannen einen lateinischen Singsang von Exorzismen.

Der Junge begann zu weinen, zu bitten und zu betteln: „Bitte hören Sie auf, ich möchte doch nur weiter diese Sache ausprobieren, bitte!“

„Mein Sohn“, sprach Milutin mit donnernder, gebieterischer Stimme, „du bist mein viertes Kind. Alle Kinder, alle Kinder des Dorfes fürchten die Dunkelheit und das Gewitter, du aber suchst beides. Dämonen, fahrt aus, ich will meinen Sohn wieder haben!“

Der Junge rappelte sich vom staubigen, strohbedeckten Boden auf und stampfte mit dem Fuß auf: „Ich mache hier eine spannende Entdeckung! Ich habe eine geheimnisvolle Kraft entdeckt, ich kann ich kann Blitze sehen, die in den Blecheimer fahren, wenn ich Macak streichele und den Eimer fast berühre! Ich brauche die Dunkelheit dazu! Lasst mich doch einfach weitermachen!“ Damit gelang es ihm aber nicht, die Menge zu beruhigen. „Teufelswerk, Teufelswerk“, zischten viele und spuckten auf den Boden. Die beiden Priester griffen den leichten Jungen und zerrten ihn aus der Scheune auf das Feld. Geblendet von Sonnenlicht und seinen Tränen kauerte er sich zusammen und steckte den Kopf zwischen die Knie. Die Frauen bildeten einen Kreis um ihn, langsam schritten die Priester auf ihn zu. Ein herbeigerufener Messdiener schwenkte eilig ein Gefäß mit beißendem Weihrauch im Rhythmus des Gemurmels der Priester. Als der Junge aufgab, ruhiger und ruhiger wurde und das Schluchzen ihn nur noch wenig schüttelte, verstummten die beiden Geistlichen. Der Kreis löste sich auf. Gebete wurde für die Seele des Kindes gesprochen und getratscht, welcher Sünde der unglückliche Vater schuldig war, dass er einen solchen Dämon als Nachwuchs hatte. „Milutin, achte auf deinen Sohn“, die Stimme des Priesters klang mit ehrlicher Sorge, „kümmere dich um sein geistliches Wachstum, damit er ihn nicht erneut befallen kann!“ Milutin nickte voller Kummer. Still dankte er dem Amtsbruder und Freund.

Dann kniete er sich neben seinen Sohn. „Mein geliebtes Kind, wie geht es dir nun?“ Der Junge wischte sich tapfer die Tränen aus den Augen: „Darf ich jetzt wieder in die Scheune und weiter Blitze machen?“ Hoffnungsvoll sah Nikolai Tesla zu seinem Vater auf.

 

 

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