Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Zugfahrt
von Yvette Tegtmeier
Es ist kalt und dunkel. Nur zwei Lampen beleuchten den Bahnhof spärlich. Ein paar Bänke stehen in einem kleinen Windschutz. Der Wind fegt das Papier über den Bahnsteig, leere Dosen klappern durch die Gegend.
Ein Mann, groß wie ein Bär, stapft heran. Seine Augen verbergen sich unter der Schirmmütze. Er schlägt den Kragen seines langen Mantels hoch und dreht dem Sturm mürrisch seinen breiten Rücken zu. Erst knistert, dann knackt es, als er Zigarette und Feuerzeug aus seiner Manteltasche holt und sie anzündet.
Nervös blickt er auf seine Armbanduhr und vergleicht sie mit der Bahnhofsuhr. Beide zeigen die gleiche Zeit an.
„Mensch, wo bleibt Toni? Pünktlichkeit ist echt nicht sein Ding.“ Schimpfend geht er auf und ab.
Langsam senken sich die Schranken. Aus der Ferne ertönt das Pfeifen der S-Bahn.
Da kommt Toni mit dem Fahrrad angewetzt. Schnell schließt er es am Fahrradständer an und sprintet Richtung Fahrkartenautomaten.
„Stop, Toni, ich habe eine Gruppenkarte für uns gekauft.“
„Danke für deine Weitsicht, Fred. Sorry, dass ich so knapp dran bin. Das Abendessen hat sich länger hingezogen als gedacht und die Kinder wollten noch zwei Gutenacht-Geschichten hören.“
Während Tonis wortreicher Entschuldigung erreicht die S-Bahn den Bahnsteig.
Fred und Toni steigen ein und suchen sich ein ruhiges Plätzchen. Freitags ist der Zug immer recht voll, doch gleich hinter der Lok finden sie zwei freie Sitze.
„Weißt du Fred, ich freue mich auf unseren gemeinsamen Männerabend. Erst den neuen James-Bond-Film im Kino ansehen und dann mit dir durch die Kneipen ziehen. Endlich ein paar Stunden ohne Frau und Kinder sein. Das ist toll.“
Fred schaut seinen Kumpel aus Kindergartentagen an und lächelt leise über das kleine Glück.



