Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Kurzgeschichten 2010 II
1. Sabine König – Lateinunterricht
Ganz der Tradition der klassischen Schulgeschichten verpflichtet – hier die unsägliche, nicht zu bewältigende Prüfungssituation aufgreifend – zieht uns dieser Text tief in die Versagensangst, die wir alle wohl einmal hatten. Jeder von uns war zumindest ein Mal während der Schulzeit mit einer strengen und zynischen Lehrperson konfrontiert. Mit den Techniken der geschickt eingesetzten Wiederholung, dem plastischen Dialog und dem klaren Konzept „tragische Heldin gegen bösartige Antiheldin“ macht König das innere Drama der Geprüften ganz und gar vorstellbar.
2. Stefanie Laube – Der Wert der Erinnerung
Mit einem direkten Einstieg und dem „distanzlosen“ Präsens zieht uns die Ich-Erzählerin sofort in ihre Gefühlswelt, die geprägt ist von Abschied und Trauer, und ins Geschehen, das sich zusehends ins Absurde entwickelt. Kompakte Erzählweise und wunderbar klarer Stil tragen umso mehr dazu bei, die bedrückende und doch so einfache Erkenntnis am klischeefreien Schluss nachzuvollziehen: kein Geld der Welt kann den Wert der Erinnerung ersetzen.
3. Nicole Koizar – Ein Flügelschlag
Die Schilderung einer Tanzstunde, die eine unerwartete und eindringliche Wendung nimmt, ist in ihrer Kompaktheit absolut überzeugend konzipiert. Koizar konzentriert sich ausschließlich auf die Darstellung und Wahrnehmung der beschreibenden Ich-Erzählerin, die den Spannungsbogen des Textes bildet und auch durch eine feine Mischung aus Atmosphäre und Melancholie besticht.
4. Katja Schloßstein – Kurzer Prozess zur Weltmeisterschaft
Hier dürfen wir uns an einem Text erfreuen, der eine echte schwarze Komödie ist: vor allem das Spiel mit dem Klischee des Sofa-Despoten, der nur Allgemeinplätze absondern kann und kein Gespür für seine Umwelt entwickelt hat, beherrscht Schloßstein ganz vorzüglich. Zudem kann sich der Leser sehr gut in die allzu menschlichen Rachefantasien einfühlen; so wirkt auch der ernüchternde Schluss nur logisch.
5. J.-Katja Raab – Kinderzauber
Eine Situation, die viele Frauen betrifft und diese in großen Kummer stürzen kann, beschreibt Raab hier: die Hauptfigur leidet unter ihrer Kinderlosigkeit und überträgt ihre unlogisches Schuldgefühl auf ihr Leben. Mit den Techniken der geschickt eingesetzten Wiederholung, der komödiantischen Wendung im Schlussteil und dem lebendigen, farbenfrohen Stil macht die Autorin die Hinwendung der Hauptfigur zu einer neuen Sichtweise in dieser Tragikomödie ganz und gar plastisch.
6. Jürgen Dürrbeck – Der Wald
Mit der Urangst aller Kinder vor dem „dunklen Wald“, die uns auch als Erwachsene jederzeit unvermittelt überfallen kann, spielt der Autor in diesem Text, der durch die bildreichen Beschreibungen und den klar definierten inneren Monolog besticht. Realität und innere Angstbilder verschmilzt Dürrbeck so, dass es ihm gelingt, die zunehmende Panik des Ich-Erzählers in einer doch eigentlich harmlosen Situation komplett nachvollziehbar zu machen.
7. Evelyne Augustin – Es fehlte nur ein Zipfelchen
Ein kleiner Irrtum, eine kleine Nachlässigkeit kann große Folgen haben: temporeich, knapp und klar lässt uns die Autorin mit präziser Sprache, pointierten Dialogen und feinem Spannungsbogen an der zunehmenden, überaus komischen, Verzweiflung ihrer Hauptfigur teilhaben. Augustin beherrscht vorzüglich die Kunst des Verknappens, ohne dass Wesentliches verloren geht.
8. Brita Ottemann – Was einem so alles passieren kann
Die geschickte Dramaturgie des Dialogs lässt den Leser ebenso wie Hauptfigur Marie einem Missverständnis aufsitzen – und greift neben aller verzweifelten Komik und Ironie der Situation ein ernstes Thema auf: eingreifen oder wegsehen? Die Autorin spielt mit Vorurteilen und Klischees auf der Tastatur des schlechten Gewissens – und das mit flüssiger Sprache.
9. Juliane Kreienbaum – Der Therapeut
Aus der Not eine Tugend zu machen und dieser eine ironische Note zu geben, dies zu vermitteln, ist der Autorin mit diesem Text sehr schön gelungen: das Ausgeliefertsein der Patientin in einer psychotherapeutischen Behandlung verkehrt sie in die spöttische Zeichnung eines Arztes, der selbst Zuwendung braucht – und gar keine geben kann. Kreienbaum arbeitet dabei mit klarem inneren Monolog und plastischen und bildreichen Schilderungen.
10. Claudia Reichen – Leas Rache
Schnell geraten Geschichten über Tiere ins allzu Vermenschlichende – nicht so hier: Reichen schildert ihre eigene und die Lernerfahrung ihres Hundes nicht nur amüsant, lebendig und spannend, sondern es gelingt ihr auch, Pathos und Verniedlichung elegant zu umgehen. So ist ihr eine überzeugende Alltagserzählung mit komödiantischer Note gelungen.



