Der Therapeut

von Juliane Kreienbaum


Seit Jahrzehnten war ich erwachsen und hatte immer noch nicht gelernt, gelassen und geduldig zu sein. Wieso schaffte es mein Psychotherapeut, mich zu enttäuschen und zur Weißglut bringen? Angeblich wollte er mich nur auf den richtigen Weg bringen, aber ich merkte schon bei der ersten Sitzung, dass er selbst auf dem Holzweg war.

Bisher fand ich seinen Ansatz ganz amüsant und interessant. Ich genoss das, was er aus meinen Problemen und Äußerungen machte, wie er sie deutete und wozu er mir riet. In unseren Sitzungen hatte ich auch viel über ihn erfahren und mir erlaubt, Bemerkungen zu machen, ja, sogar Ratschläge abzugeben. Ihm gefielen meine Anregungen und er forderte sie heraus.

Des Öfteren bereitete ich meine Therapiestunde vor, indem ich mir Dinge ausmalte, die ich ihm über meine Schwierigkeiten erzählen würde, um mit mir selbst zu wetten, was er wohl wie interpretieren würde. Meist lag ich goldrichtig, gewann meine Wette und schmunzelte vor mich hin, was von ihm als Psychologe wiederum ganz speziell gedeutet wurde. Da ich oft lächelte, hatte er das Gefühl, mich glücklich zu machen und es wurde ein geliebtes Spiel für mich, ihn zu erforschen und vorherzusagen, welchen Lösungsweg er vorschlagen würde. Ich legte mir Fragen an ihn zurecht und freute mich wie eine kleine Schneekönigin, wenn ich punktete.

Aber heute habe ich das Gefühl, es ist vorbei. Ich ärgere mich, wenn er mich langweilt und werde sauer, wenn er sich wiederholt. Er ist mir einfach nicht mehr spannend und aufregend genug. Ich habe ihn durchschaut und mich nicht, wie viele seiner Patientinnen, in ihn verliebt.

Er, mein Mr. Psycho ist ein Thriller, was sein Aussehen, seine Manieren und seinen Charme angeht, aber er hat weder Klasse noch Charisma. Kaum vorstellbar, aber er ist 43 Jahre alt und hat noch nie mit einer Frau zusammengelebt. Laut meiner Diagnose hat er Bindungsängste, Phobien und mindestens eine Manie. Zusätzlich leidet er unter einem Kindheitstrauma, das durch die gehobenen Ansprüche seines nie zu befriedigenden Vaters ausgelöst wurde. Diesem konnte er nicht entsprechen und er hatte ständig ein schlechtes Gewissen, weil er sich als nicht gut genug erachtete. Auch heute zweifelte er an sich und wog alle seine gut durchdachten und vorsichtig ausgewählten Handlungen und Äußerungen immer wieder ab. Trotzdem lag er meistens falsch und trat in die vielen Fettnäpfchen, die seinen Lebensweg pflasterten. Ich finde, er sollte dringend einen Kollegen aufsuchen. 

Es war schon sehr interessant, wie er sich von Mal zu Mal, wenn ich meine Termine bei ihm hatte, herausputzte wie ein Pfau. Es fing mit einem neuen, gewagten, lilafarbenem Hemd an und endete mit frisch gebleichten Zähnen der Farbstufe 1a. Seine Duftnote wurde immer intensiver und sein Handdruck immer weicher und länger. Der Höhepunkt seiner Auftritte war der mit einem neuen Haarschnitt und Haubensträhnen. Mit einem affigen, selbstgefälligen Grinsen saß er hinter dem Schreibtisch seines Großvaters und wartete wie ein Schulkind auf  Lob und Tadel. Ich ignorierte den neuen Look, verkniff mir das schallende Gelächter, in das ich am liebsten ausgebrochen wäre und plumpste stattdessen in die von ihm am weitesten entfernte Sitzgelegenheit. Erst war er erstaunt, dann beleidigt und schließlich fragte er besorgt, ob es mir nicht gut gehe. Als ich losprustete und mich kaum noch halten konnte, zückte er arrogant seinen Rezeptblock, um mir ein Beruhigungsmittel zu verschreiben. Er vergaß seine Frisur und widmete sich seinen Pflichten, für die er entlohnt wurde. Als ich ging, fragte er scheinheilig, ob er versuchen sollte, mich am nächsten Tag noch „dazwischen“ zu nehmen. Er sähe Handlungsbedarf und erachtete eine Woche als zu lang. Da ich oft zwischen den Stühlen saß und neben mir stand, wusste ich, dass sein Terminkalender immer Lücken aufwies und es problemlos möglich wäre. Ich verneinte dankend und er sah seine Felle davonschwimmen. Daraufhin gestand er mir, wohl überlegt und trotzdem spontan, seine von der ersten Sitzung an bestehende, tiefe und wahre Liebe zu mir.

Als hätte ich das nicht längst bemerkt, schrie ich ihn an und ließ meiner Wut freien Lauf. Ich war enttäuscht, nicht wegen der Liebe, nein, weil mir bewusst wurde, dass ich mit meinem Problem keinen Schritt weitergekommen war, sondern ich mehr ihn als er mich therapiert hatte.

 

 

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