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Der Wald
von Jürgen Dürrbeck
An einem warmen Frühlingstag entschloss ich mich zu einem Spaziergang. Es war herrlich, nach den Stürmen der vergangenen Tage wieder den Sonnenschein zu genießen und die klare Luft zu atmen. Ein Feldweg führte nahe an meinem Haus vorbei und mündete auf einer Anhöhe in einen dichten Wald.
Die Wiesen um mich herum verströmten einen würzigen Duft. Ein Meer von Butterblumen färbte sie sonnengelb. Eine sanfte Brise strich über den Hügel.
Ich hatte die Spitze der Anhöhe fast erreicht, als ein Wanderer aus dem Wald heraustrat. Es schien, als würde ihn ein dunkler Tunnel ausstoßen.
Ich nickte ihm grüßend zu, aber er nahm mich nicht wahr. Er wirkte nervös, gleichzeitig auf eine sonderbare Art erleichtert. Sein Gesicht war weiß wie Kalk. Der junge Mann brachte ein gequältes „geschafft!“ heraus. Dann war er an mir vorüber.
Vor mir gähnte wie ein schwarzer Schlund der Eingang in den Wald.
Nach einigen zögerlichen Schritten wurde es düster um mich herum. Ich glaubte, in eine andere Welt zu tauchen. Es vergingen einige Sekunden, bis sich meine Augen an die plötzliche Dämmerung gewöhnt hatten. Was ich sah, ließ mich schaudern.
Benommen schritt ich weiter, versuchte mühevoll, die Eindrücke um mich herum zu verarbeiten.
Ein weicher Teppich von Tannenzweigen und grünem Laub knirschte leise unter meinen Schritten. Abgerissene Äste und mit Moos überwachsene, vermoderte Stämme säumten den Weg. Dicke, herausgehobene Wurzelballen türmten sich wie aufgerissene Mäuler aus dem Erdreich. Wie umgeknickte Streichhölzer wirkten die Baumstämme. In einer Kettenreaktion mussten umstürzende Bäume andere mitgerissen haben. Ein gebrochener Stamm lehnte an einem benachbarten Baum, in den schrägen Wipfeln erblickte ich ein Vogelnest, verlassen.
Die Stille um mich herum war bedrückend. Kein Vogelzwitschern, kein Rascheln im Laub, das auf Leben hätte schließen lassen.
Ich musste mehrere umgestürzte Stämme umgehen, die sich wie die Leiber gefällter Riesen vor mir erhoben. Ich glaubte, die Ruhe eines gigantischen Leichenackers zu stören. Dieser Eindruck verstärkte sich, als ich eine vom Sturm geschaffene Lichtung erreichte. Auch hier umgestürzte Stämme, Berge aufgetürmter Äste, Gehölz, dicke herausgerissene Wurzelballen... Ein betäubender Geruch von Harz und Tannennadeln erfüllte die Luft. Ich erkannte einen Rotschimmer im Innern der Stämme, als hätten sie geblutet.
Ich verharrte am Rande der Lichtung, atmete tief ein. Eine Weile noch starrte ich gebannt um mich, dann wandte ich mich abrupt ab und schritt den Weg zurück, den ich gekommen war.
Ein hoher, dürrer Baum, der den Sturm wie durch ein Wunder überstanden hatte, neigte sich quietschend im auffrischenden Wind. Es klang wie ein Hilferuf.
Unwillkürlich beschleunigte ich meinen Schritt. Ich wollte diesem Ort schnellstens entfliehen.
Ein Säuseln erklang. Vor mir erblickte ich einen hellen Schein. Der Ausgang... Leben! Das Säuseln schwoll an. ‚Ist dies das Wehklagen der geschundenen Baumseelen?’
Ich erschrak vor meinen eigenen Gedanken.
Noch wenige Schritte – erleichtert trat ich ins Licht. Ich schloss geblendet die Augen. Der Tag hatte mich wieder. Ich konnte ein nervöses Lachen nicht unterdrücken. „Geschafft!“ presste ich hervor.
Wäre mir in diesem Augenblick jemand begegnet, ihm wäre sicherlich etwas nicht entgangen – mein Gesicht war weiß wie Kalk.



