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Der Wert der Erinnerung
von Stefanie Laube
Ashton ist jetzt nicht mehr zu halten. Immer wieder schlägt er mit dem Hammer auf sein Pult und brüllt in die applaudierende Menge: „Die Vase geht an den Bieter mit der Nummer elf für 43 Millionen Pfund!“ Ich ertrage den Lärm nicht länger. Ich will allein sein und verlasse den Saal.
Tony und ich waren gestern nach Pinner gefahren, um den Bungalow unserer verstorbenen Mutter zu entrümpeln. Ich wollte dies schnell hinter mich bringen und nichts von ihren persönlichen Dingen behalten. Ich bildete mir ein, so besser mit ihrem Tod fertig zu werden. Als ich ins Wohnzimmer kam, sah ich, wie Tony gerade ein Stück Porzellan zu dem Müll für den Container stellte. Ich erkannte die chinesische Vase und drückte sie an mich. Sofort stiegen helle, warme Erinnerungen in mir auf, ich hatte ein Bild vor Augen: Meine Mutter schaltet das Licht in ihrer Vitrine ein. Sie hält kurz inne, betrachtet die Vase und lächelt, versunken in Gedanken. Genau wie meine Mutter in meiner Vision stand ich nun da. Mein Bruder weckte mich lachend aus meinem Tagtraum: „Vergiss es! Andrew wird dir nie erlauben, diesen billigen Ramsch in eurem Wohnzimmer aufzustellen.“ Der abfällige Kommentar versetzte mir einen Stich. Herausfordernd frage ich: „Wer sagt denn, dass es Ramsch ist?“
Heute Morgen brachte ich die Vase zu meinem Freund Ashton ins Auktionshaus Bainbridges. Schon eine Stunde später rief er mich aufgeregt an. Die Vase stamme aus dem 18. Jahrhundert und würde auf einer Auktion bis zu einer Million Pfund einbringen. Ich war einverstanden, als Ashton voller Tatendrang vorschlug, das kostbare Kunstwerk auf der heutigen Auktion zu versteigern. Ich wollte meinem Bruder unbedingt beweisen, welchen Wert die Vase wirklich hatte.
Als Tony und ich vorhin den Auktionssaal betraten, war dieser vollbesetzt mit chinesischen Interessenten. Wir nahmen unsere Plätze in der ersten Reihe ein und Ashton eröffnete die Versteigerung. Nachdem er die Eckdaten über Herkunft und Alter der Vase verlesen hatte, bat er um ein Mindestgebot von 1.000 Pfund. Tony und ich drehten uns um und blickten in einen Wald von Bietertafeln, mit denen die Chinesen hinter uns aufgeregt winkten. Schnell stieg das Gebot auf 800.000 Pfund und ich sah meinen Bruder mit Genugtuung an. Ashton zwinkerte uns zufrieden zu und hob seinen Hammer. „800.000 Pfund, zum Ersten, zum Zweiten und zum…“ Hinter uns stritten plötzlich lautstark die beiden Chinesen, die sich eben gegenseitig überboten hatten. Ashton bat um Ruhe, wurde aber unterbrochen von dem unterlegenen Bieter, der seine Tafel hochriss und hysterisch kreischte: „Fünf Millionen!“ Angespornt durch die enorme Summe rief Ashton in die sprachlose Menge: „Das Gebot steht bei fünf Millionen Pfund. Höre ich zehn Millionen?“ Ich wagte nicht, mich umzudrehen. Während im Hintergrund Zahlen durch den Raum geschrieen wurden, begann ich zu verstehen, dass dies kein Spiel zwischen Geschwistern war, die sich gegenseitig beweisen wollen, wer Recht hat.
Soeben hat Ashton die Verkaufssumme der Vase verkündet. Die Vase ist unwiederbringlich in den Besitz eines anderen übergegangen. Ich stehe in der dunklen Kälte vor dem Auktionssaal. Ich will jetzt allein sein und weder dem Käufer, noch Ashton, noch meinem Bruder in die Augen sehen. Ich will allein sein mit dem immer unschärfer werdenden Bild meiner Mutter: Traurig schaut sie in ihre dunkle Vitrine. Dort, wo in meinem Bild gestern noch die Vase stand, sehe ich jetzt nichts mehr. Ich sehe nichts als einen leeren, schwarzen Fleck.



