Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Ein Flügelschlag
von Nicole Koizar
Es nieselte unaufhörlich, aber wie für den Winter typisch, wehte ein eisiger Wind und das Licht war bereits jetzt am frühen Abend angeschaltet, da der schwarzgraue Himmel jeden Schein zu verschlucken schien. Mein Blick glitt in den kleinen Vorraum hinein, vorbei an der Masse dicht gedrängter Menschen. Der Raum selbst war gesäumt mit rotem Samt, gold verzierten Spiegeln und dunklem, altem Holz. Die Anwesenden waren allesamt in meinem Alter, dennoch boten sie dasselbe, eintönige Bild: lächelnd, schwarze Anzüge mit Krawatte oder Fliege bei den Herren und elegante Kleider, Blusen oder Röcke bei den Frauen. Ich selbst war eine der wenigen Ausnahmen, die als junge Frau einen Hosenanzug mit Bluse trug. Es hieß, wer diese Tanzschule absolvierte, gehörte zu den Besten. „Wer dieses Gedränge hier übersteht und auch noch tanzen lernen kann, ist wahrlich ein Meister“, murmelte ich zu mir selbst. Langsam und zäh wie Sirup flossen die Menschen in den großen Saal, dessen Holz unter der Masse beinah zu bersten schien. Langsam begann die klassische Musik leise an den verspiegelten Wänden widerzuhallen und wie ein alter Plattenspieler setzte sich Pärchen um Pärchen gemächlich in Bewegung. Bei der anschließenden Tanzwahl würde mir mein unauffälliges Äußeres nicht zu Gute kommen, dachte ich. Fälschlicherweise. Da war ein junger Mann, mit blondem, kurzem Haar, der direkt auf mich zuhielt. Überrascht blinzelte ich, als er mir die Hand entgegen streckte und hauchte: „Darf ich bitten?“ Ich kannte ihn nicht. Seinen Namen sollte ich auch niemals erfahren. Doch die nächsten Momente sollten mir neben den negativen Dingen dieses Abends ewig im Gedächtnis bleiben.
Als ich verlegen nickte, konnte ich nicht anders, als ihn mit hochroten Wangen anzustrahlen und er erwiderte das Lächeln. Behutsam führte er meine Hände an die Plätze, an die sie sollten und zog mich dann höflich, aber bestimmt näher an sich. „Setz einfach ein Bein auf das andere. Spüre meine Bewegung, dann wird alles gut gehen“, flüsterte er und lächelte zuversichtlich. Links, rechts, links … ich bemerkte es erst nach wenigen Sekunden, aber wir bewegten uns! Tatsächlich spürte ich dadurch, dass unsere Oberschenkel sich fest berührten, welche seiner Muskeln sich anspannten. Ich konnte unweigerlich den starken, bestimmenden Händedruck auf meiner Schulter spüren, der mich mitzog. Die Trägheit der Masse ließ er hinter uns, zog uns neben sie mehr in die freie Mitte und so entfalteten wir Flügel. Ich konnte nicht anders, als die Leichtigkeit dieses Moments Besitz von mir ergriff, legte ich den Kopf leicht in den Nacken und lachte aus vollem Herzen. „Ich kann tanzen!“, jubelte es in mir, und für eine kleine Ewigkeit genoss ich mit diesem unbekannten Schönling das Gefühl, als ob ich mich frei durch den Raum bewegte. Als die Musik wieder abebbte, klebten alle Blicke des Raumes auf uns und ich senkte umso beschämter den Kopf, getarnt in einem leichten Knicks meines Kavaliers gegenüber. „Vielen Dank für den Tanz, Fräulein“, lächelte er, hauchte mir einen – echten – Handkuss auf, sodass seine Lippen meine Hand nicht berührten, und ließ mich dann wieder in meiner Ecke des Raumes zurück. Es war mir unmöglich, das breite, dämliche Grinsen für den Rest des Abends aus meinem Gesicht zu bekommen. Ebenso wie es unmöglich war, wieder unerkannt in der Masse zu verschwinden, während ich wieder allein meine Tanzschritte übte. Ich wusste, dass ich nie wieder in diesen Tanzkurs gehen würde, aber ich wusste auch, dass mir dieser junge Mann die Freude des Tanzens auf ewig geschenkt hatte.



