Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Es fehlte nur ein Zipfelchen
von Evelyne Augustin
Verärgert warf ich mich, soweit es meine 137 kg Lebendgewicht zuließen, in den Sitz des ICE nach Bayern. Meine Freundin Betty hatte mich bis an den Zug gebracht und verabschiedete mich mit den Worten:
„Pass auf, die Tür ist nur 1 ½ Meter breit.“
Das tat weh. Natürlich war ich viel zu dick, aber ich konnte absolut nichts dafür. Ich aß kein Fett mehr, verkniff mir wirklich alles, was schmeckte, lebte von täglich 800 Kalorien und hungerte mich so durch die Jahre. Doch jetzt sah ich eine neue Chance. Denn in einer Frauenzeitschrift, die ich im Wartezimmer meines Zahnarztes gelesen hatte, entdeckte ich eine teilweise herausgerissene Anzeige. Lediglich links oben fehlte ein Zipfelchen Papier, so dass ich nur das Wort „Klinik“ lesen konnte. Die Anzeige hatte mich sehr neugierig gemacht.
„Reduzieren Sie Ihr Gewicht unter Aufsicht. Haben Sie Spaß daran, unter Gleichgesinnten etwas für Ihr Aussehen und Ihre Gesundheit zu tun.“
Ich, die restlos alle Diäten kannte, hatte noch nie versucht, unter Aufsicht abzunehmen. Ich stellte mir vor, wie so etwas aussehen könnte. Eine schöne Klinik mitten im Wald, nette Damen und Herren, natürlich alle übergewichtig, die sich frei bewegen konnten, ohne dass eine schlanke Person sich einmischte. Für den Aufenthalt dort müsste ich zwar eine hübsche Stange Geld hinlegen, doch sicher würde man dort gesunde Bio-Kost verwenden und das hatte eben seinen Preis. Kurz entschlossen buchte ich 4 Wochen und saß bereits 3 Tage später in besagtem ICE.
Etwas angeschlagen kam ich nach langer Fahrt in der Abnehm-Klinik an. Es war bereits 17.00 Uhr und die nette Empfangsdame empfahl mir, mich kurz auf meinem Zimmer frisch zu machen, um mich dann schnell im Speisesaal zum gemeinsamen Abendessen einzufinden. Der Bitte kam ich nur zu gern nach, hatte ich doch einen Bärenhunger. Die Aussicht auf einen gesunden Salat mit fettarmem Hühnchen steigerte meine Laune um ein Vielfaches. Bereits 10 Minuten später betrat ich den Speisesaal. Dort wurde mir ein Tisch zugewiesen. Der Kellner brachte mir ein silbernes Tablett. Doch statt einem leckeren Essen sah ich darauf nur ein Glas Wasser, einen silbernen Löffel und unter einer Serviette verdeckt ein Päckchen mit Glaubersalz.
„Was ist das“ fragte ich den Kellner und starrte ihn an.
„Nun, gnädige Frau, das ist Ihr Glaubersalz.“
„Ich sehe, dass dies Glaubersalz ist. Wozu denn bitte?“
„Zur Darmreinigung, gnädige Frau.“
„Ich weiß, wozu man Glaubersalz verwendet, aber warum um Gottes Willen bei mir?“ Langsam kam ich in Fahrt.
Der Kellner blieb ganz ruhig.
„Die Darmreinigung ist Grundvoraussetzung für das Fasten, gnädige Frau.“ Mit diesen Worten entfernte er sich.
Ich war sprachlos. Meine Tisch-Nachbarin mischte sich ein und fragte:
„Ja, Kindchen, wo liegt denn das Problem? In solch einer Klinik beginnt man immer mit der Darmreinigung.“
„In was für einer Klinik – wo bin ich denn hier?“ Langsam verzweifelte ich.
Die nette Dame antwortete:
„In einer Fasten-Klinik.“
Ich war entsetzt. Das war das Zipfelchen, das auf der Anzeige fehlte. Ich hatte nur „Klinik“ lesen können, aber zusammen gefügt hieß es „Fasten-Klinik“.



