Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Kinderzauber
von J.-Katja Raab
Sturmschellen der Türglocke. Wer wagte es, meinen Altweibersommer zu stören, die letzten Tage der Wärme, in denen hin und wieder noch einmal glühende Hitze flackerte, bevor im Grau der Totenstarre die Natur starb.
"Dürfte ich Sie bitten, auf Max aufzupassen?", keuchte meine Nachbarin zwischen Tür und Angel. "Ausnahmsweise, mein Mann ist auf Geschäftsreise, beide Großeltern in Urlaub und ich muss zum Frauenarzt. Länger als zwei Stunden dauert' s nicht." Ihr mächtiger Bauch wölbte sich über die Schwelle - eine leibhaftige Venus von Willendorf, schwanger, hochschwanger sogar.
Unwillkürlich zuckte ich zusammen, schluckte, spreizte die Augen und starrte sie an. Ein Kind an der Backe? Das hatte gerade noch gefehlt. Ein Kind - das war der Hauch einer geheimnisvollen Flamme, die mein Gewissen in Brand setzte. Ein Kind - das war das einst ersehnte goldige Glück, das ich mir dann doch mit Gewalt, mit Vernunft, mit gewaltiger Vernunft, mit vernünftiger Gewalt aus dem Leib gerissen hatte. Gurgelnd war es durch einen saugenden Schlauch gerutscht. Es blutete lange, das Glück. Nie wieder keimte ein neues, nie wieder und das Märchen von Philemon und Baucis versank in einem Meer ungeweinter Tränen. Ein Kind riss alte Wunden auf.
Stammelnd und stotternd suchte ich Ausflüchte, wie viel Arbeit auf dem Schreibtisch läge, dass ich von Kindern so viel verstünde wie eine Kuh vom Sonntag, aber mehr wollte mir partout nicht einfallen - klägliche Ausreden, kümmerliche geradezu. Schnell verstummte ich und presste die trockenen Lippen aufeinander. Ungefällig sein? Unmöglich. Wie oft hatte Frau Diesel mir schon aus der Patsche geholfen? Oft, sehr oft. Wie abgekämpft sie jetzt wirkte. Die Haare zu Berge.
"Hat er wieder nur Kartoffeln gegessen?", erkundigte ich mich scheinheilig. Gerade eben noch war Geschimpfe und Geschrei von nebenan durch alle Wände gedrungen - die mittägliche Raubtierdressur. Nicht zu überhören, das Glück dieses Heimchens am heimischen Herd, na ja.
Niedergeschlagen nickte sie: "Zum Verzweifeln, der Bengel. Wunder, dass er noch keine Mangelerscheinungen hat."
Max und seine Kartoffeln - die gesamte Nachbarschaft betratschte den Fall. Er aß nichts anderes, nichts, kein Fleisch, kein Gemüse, kein Obst, nur morgens und abends eine Schnitte mit Butter und natürlich Naschkram in rauen Mengen. Aber sonst? Nichts.
Notgedrungen willigte ich ein.Gut, dann eben ein Kind an der Backe, wenn es unbedingt sein musste: Max, gerade in der Schule, I-Pümmel, selbstbewusst wie Asterix und doch oder vielleicht deshalb Augapfel seiner Eltern, noch, noch, aber nicht mehr lange. Die Konkurrenz schon in den Startlöchern. Ein Moritz vielleicht? Junge, Junge, dann wird er sich aber umgucken, der Max.
Zehn Minuten später stand er breitbeinig auf der Matte, krähte: "Hallo", und hielt mir einen Apfel entgegen. "Da von Mama. Aus Omas Garten."
Mit Müh und Not rang ich mir ein Lächeln ab und knirschte: "Solltest du mal besser essen."
-"Ph, denkste," grinste er und zeigte mir einen Vogel.
-"Was wollen wir machen?", fragte ich und erschrak, wie heiser meine Stimme schnarrte.
-"Mama hat gesagt, du könntest mit mir spazieren gehen zu den Bauernhöfen, da, wo' s stinkt, so richtig lecker nach Kuhschei..."
-"Nanana, wie nennt man das? Dung heißt das, kapiert?" So der Maulkorb hatte gesessen, hoffentlich. Auf dem Kopf tanzte er mir nicht herum, der Knirps. Flunschend krauste er die Stirn.
Spazierengehen? Nun ja, eine gute Idee. Bewegung lenkte ab und die Zeit verging schneller, je schneller, desto besser. Hektisch stopfte ich den Apfel in meine Jackentasche und wir stiefelten los. Mein Hirn auf Hochtouren. Zwar taperte er artig neben mir her, doch nahm ich ihn an die Hand, sicherheitshalber. Wie weich sie war, samtig und warm. Aus den Poren Kindergeruch, frisch und unschuldig mit einem Hauch Penatencreme - muttermilchverwöhntes Lämmchen. Ich hätte mich ohrfeigen können, nicht netter zu ihm gewesen zu sein, vorhin. Was sollte der Wicht denn von meinem Kummer wissen? Er muckste sich nicht, schwieg ohrenbetäubend. Beleidigte Leberwurst. Kein Wunder.
Wie ihm die Schule gefalle, erkundigte ich mich so steif wie schuldbewusst. Schelmisch blinzelte er von der Seite. Witterte er meinen Knacks? Die Risse der Seele? Es sah ganz danach aus. In seinen Kinderaugen zuckte ein Blitz, unscheinbar, ein kurzer Moment nur, ein elektrischer Schlag, der mich ins Mark traf und mich erwärmte aus heiterem Himmel. Von jetzt auf gleich ging er in die Vollen, schimpfte und schimpfte, oh, wie blöd, wie saudumm seine Lehrerin sei, die fragt und fragt und fragt und hört gar nicht mehr auf damit... Wild gestikulierend riss er sich los und ruderte mit den Armen wie ein empörter Abgeordneter. Ich war hingerissen und amüsiert und je sprachloser ich seinem Furioso lauschte, umso mehr trumpfte er auf, ja schäumte geradezu mit roten Wangen, Mannomann, wie bescheuert, so bescheuert diese Lehrerin...
Die Fäuste geballt, trommelte er gegen Holzgatter am Wegrand, dass Kühe aufglotzten und dumpf muhten. Über Felder und Wiesen gellte seine haarsträubende Wut.
"Nimm, der ist gut gegen Ärger", unterbrach ich die gelungene Schau und hielt ihm den Apfel unter die Nase. Er stutzte, stierte, grabschte ihn dann fix wie eine Kobra die Beute und - Hokuspokus, weiß der Kuckuck, welcher Zauber am Werk war - biss hinein. Mit fiel die Kinnlade herunter, wie er mit vollen Backten mampfte.
Seine Mutter bejubelt mich seitdem als pädagogisches Naturtalent. Plötzlich isst er alles, was auf den Tisch kommt. Alle Nase lang kreuzt er bei mir auf, Freunde zuhauf im Schlepptau. Ich habe nichts dagegen, im Gegenteil.



