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Kurzer Prozess zur Weltmeisterschaft
von Katja Schloßstein
Alles an ihm ist zu viel.
Zu viele Haare, zu viel Wampe.
Zu dicke Lippen, in deren Winkeln stets weiße Spucketröpfchen kleben. Zu viel ausladende Gestik und viel zu viel Gerede.
Ja, sein Gelaber ist es vor allem, das mich krank macht.
Heute hat es mir dann endgültig gereicht. Er redete und redete, er kommentierte jeden Mist im Fernsehen und wie immer: alles wusste er besser. Er war Bundeskanzler, Kernphysiker, Finanzexperte, er war Schiedsrichter, alles in einer Person. Natürlich jeweils der Allerbeste auf seinem Gebiet. Er lachte viel, er lachte laut, tätschelte dabei seinen Wanst und popelte Flusen aus seinem Bauchnabel, die er auf den Tisch schnippte. Hier standen schon ein halbes Dutzend geleerter Bierflaschen und zwei angestoßene Kristallaschenbecher mit verblassten Bergmotiven aus Bad Wörishofen, welche bereits seit einer Stunde überquollen.
Sein hochgerutschtes Hosenbein offenbarte den Blick auf eine madenweiße Wade und die braun-beige gestreifte Socke mit Loch an der Ferse. Wenn er gerade einmal nicht redete oder lachte, dann schob er sich händeweise die Paprikachips aus der großen Weltmeisterschafts-Vorratstrommel in den Mund. Knarsch, knarsch, knarsch, knarsch. Kurze Pause, während der er sich die fettigen Finger an der abgewetzten Cordhose abwischte. „Hahaha, ist der denn blind, sieht der das Tor nicht? Wie kann man nur solche Nulpen zur Weltmeisterschaft schicken?“ Knarsch, knarsch, knarsch, knarsch.
Ich fühlte, wie mir anfing, die Kopfhaut zu prickeln, ich merkte, wie mir heiß und heißer wurde. Jetzt langt er garantiert gleich nach der nächsten Bierflasche. Genau, ich wusste es. Mit Gänsehaut und aufgestelltem Nackenhaar hörte ich die Schluckgeräusche: gluck, gluck, gluck. Ich war weder fähig, wegzuhören noch wegzusehen. Und jetzt kommt gleich der unvermeidliche, von tief unten kommende Rülpser. Jawoll, da ist er auch schon.
Es sind diese Situationen, in denen Morde begangen werden und die Mörderinnen müssten freigesprochen werden, denn sie handeln in Notwehr. Ich erhob mich sehr langsam. Dabei griff ich nach dem massiven Bronzekerzenleuchter, den uns seine spießige Schwester aus Wuppertal zur Hochzeit geschenkt hatte und von dem mich feixende Engel anglotzten. Mit einem eleganten Schwung zog ich jenen über diesen Nonsens quasselnden Schädel. Ein Ächzen, ein ungläubiger Blick aus verlöschenden Augen und…..RUHE..... Endlich himmlische Ruhe.
Ich drückte die dreizehn auf der Fernbedienung und wechselte zu „Sex and the City“. Um die leeren Bierflaschen und das Andere würde ich mich morgen kümmern.



