Lateinunterricht

von Sabine König


„Puella!“ Drohend hing die lateinische Vokabel im Raum, schwebte unentschlossen zwischen den ängstlich abwartenden Schülerinnen, die verschreckt auf eine skurril gekleidete Gestalt in der Mitte des Klassenzimmers starrten. In wenigen Sekunden würde sich entscheiden, welches Mädchen das nächste Opfer des schwarzen Buchs würde, in dem alle Namen der Klasse sorgfältig mit spitzer Feder notiert und die Noten der regelmäßigen Vokabeltests zu Stundenbeginn akribisch erfasst waren.

„Pu-el-la!“ Die Urheberin dieser Dramatik, Frau Eloise Rainartz, ihres Zeichens Lehrerin für die lateinische Sprache, konstatierte die Vokabel erneut und schritt dabei durch den Raum, die lateinischen Silben der Vokabel einzeln deutlich artikulierend. Die klobigen Absätze ihrer dunkelbraunen Lackpumps unterstrichen die Silben mit einem lauten „Klack-Klack-Klack“ und sorgten für erhöhte Aufmerksamkeit. An diesem Tag war Frau Rainartz in ein orangefarbenes Kostüm gekleidet, in der Mitte akzentuiert durch einen breiten braunen Wildledergürtel, dessen Schließe mit einer Rosette aus Strasssteinen besetzt war und in allen Farben des Regenbogens schillerte. Der Gürtel bildete einen scharfen Kontrast zu dem mürrischen, farblosen Gesicht, das, umgeben von einer mausgrauen Pagenfrisur, über der misslungenen Komposition aus Textilien thronte und aufgrund einer Brille mit riesigem braunem Gestell immer etwas Eulenhaftes besaß.

Die Spannung stieg, denn Frau Rainartz hatte ihren Füllfederhalter zur Hand genommen und fuhr damit prüfend die Liste der Namen in dem schwarzen Buch entlang. Jeden Moment würde sie eine Schülerin erwählen, die die Vokabel „puella“ = “Mädchen“ übersetzen musste. Natürlich rief sie jede Schülerin im Lauf eines Schuljahres mehrere Male auf, aber nach allgemeinem Eindruck traf es überwiegend Isabel. Isabel war diejenige, die stets nach mehreren halbherzigen Übersetzungsversuchen von Frau Rainartz zum Hinsetzen verdammt wurde und danach unter Tränen beteuerte, vorher ganz viel gelernt zu haben.

Auch dieses Mal erfüllten sich die Erwartungen. „Isabel!“, bellte Frau Rainartz. Weitere Anweisungen waren nicht notwendig. Isabel wurde erst blass, dann rot und erhob sich schließlich zögernd von ihrem Stuhl. Als ob die Prüfungssituation allein noch nicht genügend Stress bedeutete, wurden die Schülerinnen auch noch von Frau Rainartz dazu verdonnert, jede Abfrage allein vor der ganzen Klasse stehend über sich ergehen zu lassen. „Nun also“, fuhr Frau Rainartz fort, „was bedeutet ‚pu-el-la’?“

„Schü-Schüler?“ stotterte Isabel. „Ist das eine Frage oder eine Antwort?“ hakte Frau Rainartz unerbittlich nach. „Schü-ler“, antwortete Isabel, dieses Mal mit etwas festerer Stimme. „So, so“, sagte Frau Rainartz herablassend. „Bist du dir da auch ganz sicher?“ Isabel schluckte mühsam und nickte dann zögernd. „Na schön“, sagte Frau Rainartz mit einem hämischen Lächeln „dann kannst du mir sicherlich auch das folgende Zitat übersetzen: ‚Cuiusvis hominis est errare, nullius nisi insipientis in errore perseverare’“*. Isabel erstarrte unter der Last dieser unmöglichen Aufgabe, und ihre Augen weiteten sich erschrocken. Nach mehreren Sekunden erdrückender Stille, in der die Klasse geschlossen den Atem anhielt, wandte sich Frau Rainartz mit einem kurzen Schulterzucken ab. “Tja, Isabel, das reicht nicht!“ sagte sie und trug eine verdächtig rund aussehende Zahl in das Buch hinter Isabels Namen ein.

Danach machte sie sich ohne weitere Erläuterung mit zufriedener Miene auf die Suche nach dem nächsten Opfer des Morgens.

* Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch

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