Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Leas Rache
von Claudia Reichen
Lea nahm ihre Aufgabe als Wachhund sehr genau. Von ihrem Platz aus konnte sie nicht nur unsere eigenen Tiere im Auge behalten, sondern auch noch die des Nachbarn. Wenn eine unserer Ziegen meinte, das Gras neben der eingezäunten Weide sei besser, umkreiste Lea sie mit viel Gebell so lange, bis diese entnervt nachgab und wieder zurückkehrte. Das funktionierte sogar bei den Kühen, Ziegen und Eseln des Nachbarn. Waldtiere, die sich dem Haus näherten, trieb sie einfach in den Wald zurück.
Eines Tages kam Nachbars Gans dahergewatschelt. Lea beobachtete sie bereits aufmerksam. Um fremde Tiere zurückzutreiben, musste sie immer erst abwarten, dass wir ihr den Appell dazu gaben. Auf Pfiff kehrte sie wieder um. Seltsamerweise verlangsamte sie dabei aber nicht einfach ihr Tempo, sondern legte beim Pfiff eine Vollbremsung ein. Die Nachbargans kam frech näher und Lea winselte bereits in freudiger Erwartung. Als sie nah genug war, gab ich ihr den heiss ersehnten Appell und Lea düste los. Bellend umkreiste sie die Gans. Diese hatte aber anscheinend gute Nerven und zischte zurück. Lea stutzte überrascht, dann ging es weiter mit lautem Gebell und giftigem Zischen. Gespannt beobachtete ich die Szene. Wegen des Lärms brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, das Nachbarhaus war weit genug entfernt. Volle zwei Stunden gab sich Lea alle Mühe, bis ich eingriff und das sture Tier mit einem Stecken vertrieb. Seit diesem Nachmittag hasste Lea diese Gans. Das freche Federvieh lief auch auf der Straβe herum und bedrohte die Wanderer, deren Weg dort vorbeiführte. Auch mir war es nicht geheuer, wenn ich dem zischenden Ungeheuer begegnete. Die Gans schien es zu genieβen, dass jeder sich vor ihr fürchtete. Sie wurde immer boshafter und ich ging nur noch mit einem Stock bewaffnet an ihr vorbei. Lea begleitete mich stets und ignorierte die verhasste Gans.
Eines Tages lieβ sie mich aber nicht einmal mehr mit dem Stock an sich vorbei. Lea knurrte. Bis jetzt hatte es immer gereicht, mit dem Stecken herumzufuchteln. Diesmal reagierte sie darauf nur noch giftiger. Was tun? Mit einem energischen „gscht“ trat ich der Gans entgegen. Plötzlich ging alles sehr schnell. Lea interpretierte dies wohl als Signal zum Eingreifen. Mit wütendem Gekläff stürzte sie sich auf die Gans. Diese floh entsetzt. Lea verfolgte sie. Als ich einen schrillen Pfiff ausstieβ, stoppte Lea zwar sofort, aber sie hatte die Gans bereits am Schwanz gepackt und lieβ diesen trotz Vollbremsung nicht los. Empört gackernd suchte die Gans das Weite und Lea blieb mit den langen, weiβen Federn im Maul verdutzt zurück. Das war gerade noch gutgegangen, wenn man von dem ausgerissenen Gänseschwanz absah. Was würde wohl der Nachbar dazu sagen? Vorsichtig sah ich mich nach allen Seiten um. Wir waren allein. Niemand hatte das Missgeschick gesehen. Lea schaute mich zufrieden an. Ihre Ehre war wieder hergestellt. Beklommen schlich ich nach Hause. Irgendwann musste der Nachbar seine schwanzlose Gans ja bemerken.
Tags drauf traf ich ihn im Stall. „Stell dir vor, gestern muss ein Fuchs dagewesen sein. Er hat die Gans aber nur fast erwischt. Dort liegen noch die Federn.“ Ich lachte erleichtert. „Tja, zum Glück haben wir den Hund. Da traut sich kein Fuchs her.“
Lea und ich mussten noch oft an der Gans vorbei, aber sie ging uns fortan beleidigt aus dem Weg. Lea hatte jedes Mal einen triumphierenden Blick in den Augen. Manchmal glaubte ich in ihrem Hundegesicht ein Grinsen zu sehen.



