Was einem so alles passiern kann

von Brita Ottemann


„Was einem so alles passieren kann.“ Kopfschüttelnd legte die junge Frau die Zeitung weg und hörte dem Gespräch zu, das hinter ihr geführt wurde.

„... bis diese Penner wach geworden sind, haben wir schon längst die Fliege gemacht.“

„Cooler Plan!“

Marie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Das scheinen ja zwei schöne Früchtchen zu sein.“ Ihren Stimmen nach sind die beiden nicht älter als vierzehn oder fünfzehn, überlegte sie gerade,als die nächsten Worte ihr das Lächeln aus dem Gesicht wischten. 

„Natürlich, hab ich doch schon immer gesagt.“ 

„Aber wenn es einer nicht schafft, rechtzeitig rauszukommen?“

„Tja, dann ... hat er es zum Schluss noch mal schön warm gehabt.“

Die junge Frau versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

„Wovon reden die zwei? Was haben die vor?“ Mit angehaltenem Atem lauschte sie weiter.

„Aber ich will doch nicht, dass jemand stirbt. So war das nicht ausgemacht.“ Das Entsetzen des Sprechers konnte man deutlich hören.

„Jetzt hab dich nicht so, war ja nur Spaß, keiner kommt ums Leben.“

„Das scheint der Boss zu sein, der andere ist nur der Mitläufer“, ging es Marie durch den Kopf. Die nächsten Worte bestätigten das.

„Nun kannst du endlich mal zeigen, dass du kein Feigling bist.“

Die Antwort bekam Marie nicht mit, ihre Gedanken überschlugen sich.

„Was soll ich machen? Die zwei einfach ansprechen und versuchen, sie von ihrem Vorhaben abzubringen? Wenn sie alles abstreiten, stehe ich dumm da. Es könnte aber auch gefährlich für mich werden.“ Bei diesem Gedanken lief es ihr eiskalt über den Rücken. „Die beiden sind nach mir in die S-Bahn eingestiegen und haben mich bestimmt nicht bemerkt“, versuchte sie sich zu beruhigen. Vielleicht wäre es das Beste, alles zu vergessen, so zu tun, als hätte sie das Gespräch nicht gehört. Und wahrscheinlich würde auch gar nichts passieren. „Und wenn doch, dann bist du mitschuldig und gehörst auch zu denen, die wegsehen statt einzugreifen.“

Nein, sie musste etwas unternehmen. Aber was? Während sie noch verzweifelt überlegte, wurde ihr die Entscheidung abgenommen.

„Mensch, wir müssen raus!“

Auch die junge Frau merkte erst in diesem Moment, dass der Zug schon angehalten hatte. Die Jungen drängten sich durch die Tür und Marie hinter ihnen her, ohne auf die empörten Zurufe der gerade einsteigenden Fahrgäste zu achten. 

„Ich darf sie nicht aus den Augen verlieren.“ Doch die beiden schienen nur umsteigen zu wollen und blieben auf dem Bahnsteig stehen. Sie stellte sich unauffällig daneben. 

„Uff, gerade noch mal geschafft, beinahe hätte ich auch noch meinen Text liegenlassen“, bemerkte der Junge, den Marie an seiner Stimme als den Boss erkannte, und zeigte auf einen grauen Hefter. 

„Irgendwann werden wir mal so vertieft in unsere Rollen sein, dass wir bis zur Endstelle mitfahren“, fügte der andere lachend hinzu.

„Dafür sind wir aber auch besser geworden. Ich finde, es hört sich schon ganz schön echt an. Oder?“

„Na, klar, wenn uns eben einer zugehört hat, ist der bestimmt schon auf dem Weg zur Polizei.“

„Oder hat ein schlechtes Gewissen, weil er es nicht getan hat und jeden Tag Herzklopfen, wenn er in die Zeitung guckt.“

„Das kann auch sein. He, da ist schon unser Zug. Vielleicht kommen wir doch noch pünktlich zur Probe.“ Die beiden verschwanden in der Menge und ließen eine verblüffte junge Frau zurück. 

„Da habe ich mich aber zum Löffel gemacht“, stöhnte Marie innerlich auf.

Doch dann begann sie leise vor sich hin zu lachen, zuerst vor Erleichterung,weil Angst und Anspannung von ihr abfielen. Dann wurde ihr mehr und mehr das Komische an der Geschichte bewusst. Aber sie lachte auch, weil sie kein schlechtes Gewissen haben musste und die Zeitung ohne Herzklopfen aufschlagen konnte.  

„Was einem so alles passieren kann“, murmelte sie vor sich hin, als sie mit der nächsten Bahn ihre unterbrochene Fahrt fortsetzte.

 

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