Die zwei Brüder

von Christian Rautmann


Mit Entsetzen sah er seinen Bruder in die Tiefe fallen. Er sah die vor Schrecken geweiteten Augen und die Hände, die hilflos umher ruderten. Klaus wurde kleiner und kleiner, bis er schließlich nicht mehr zu sehen war.
Lars erwachte von seinem eigenen Rufen: «Klaus, Klaus!» Er saß in seinem Bett. Er fühlte den Schlafanzug an sich kleben. Eine Hand streichelte ihn am Rücken.
«Hattest du wieder den Traum?», fragte seine Frau. Langsam drehte er sich um und sah Maria an. Ihre Blicke trafen sich und wie immer spürte er diese Mischung aus unsagbarem Glück und tiefer Schuld.
«Ja», seufzte er.
Maria nahm seine Hand und streichelte sie. «Du solltest endlich zu einem Arzt gehen.»
Lars senkte seinen Blick und schüttelte den Kopf. «Ich bekomme das schon hin. Ich brauche einfach noch mehr Zeit.»
Bevor Maria etwas erwidern konnte, stand er auf und ging ins Bad. - Die Dusche spülte nur den Schweiß fort. Doch Lars Gedanken kreisten weiter um die Frage: Was war passiert? Warum konnte er sich nicht an die Momente vor dem Sturz seines Bruders erinnern? Er wusste noch, wie ihn die Bergrettung herausgeholt hatte. In Panik hatte er sie angerufen. Er hatte sich aus eigener Kraft keinen Millimeter fortbewegen können. Die Helfer. Der Hubschrauber. Der Rettungskorb. - Das hatte sich fest eingebrannt. Alles war da. Nur nicht die Antwort darauf, was geschehen war.
Er trocknete sich ab, zog einen frischen Schlafanzug an und ging zurück ins Schlafzimmer. Maria schlief schon wieder.
Lars setze sich in den weißen Korbsessel und betrachtete liebevoll seine schlafende Frau. Die Trauer um Klaus hatte sie zusammengeführt und so war es geblieben. Lars war sich nicht sicher, ob Maria ihn liebte. Manchmal glaube er, dass sie nur mit ihm zusammen war, weil er sie an seinen Bruder erinnerte.
Lars merkte, dass an Schlaf erst einmal für ihn nicht zu denken sein würde. Er wanderte ziellos im Haus umher, trank in der Küche eine Tasse Kaffee, las im

Wohnzimmer Zeitung und fand sich schließlich, endlich, vor dem Kellerschrank wieder. Nach kurzem Zögern holte er die Kiste mit den Fotos aus dem Schrank, die Klaus und er damals auf ihrer Bergtour gemacht hatten. Behutsam nahm er die blaue Schachtel in die Hände. Für eine Weile stand er so da: mitten im Keller, den Karton betrachtend.
Er war versucht, ihn wieder zurückzustellen - so wie sonst. Aber heute konnte er das einfach nicht. Lars beschloss, in die Küche zu gehen und ein Glas Brandy zu trinken.
Wenige Minuten später saß er am Küchentisch, die Schachtel vor sich. Er nahm einen großen Schluck, holte tief Luft und öffnete den Deckel. Es waren nicht viele Bilder. Auf einigen war Maria zu sehen. Meist in enger Umarmung mit Klaus. Danach eine Reihe von Fotos, die seinen Bruder und ihn zeigten: in Freizeitklamotten, in voller Bergsteigermontur, beim Schwimmen im Bergsee. Lars Augen wurden feucht. Mit jedem Bild, das er betrachtete, kam Klaus Tod unweigerlich näher.
Die letzten Fotos hatten sie auf dem Berg gemacht. Manche mit Selbstauslöser, meistens aber hatte Klaus fotografiert. Lars sah sich eine Felswand hochsteigen. Ohne Seil. Er erinnerte sich: Sie hatten sich am Abend zuvor darüber gestritten, wer der bessere Bergsteiger sei. Und dann waren sie auf den Irrsinn verfallen, sich gegenseitig ihren Mut beweisen zu müssen, indem sie ohne Seil kletterten. - Ohne Seil?  - Lars runzelte die Stirn. Es war der Tag von Klaus Tod gewesen. Er selbst war zuerst gegangen und hatte die Wand nur mit Mühe erklommen - ungesichert. Dann war Klaus ihm gefolgt. Er hatte es ohne Probleme geschafft und breit grinsend vor ihm gestanden. Lars konnte noch den Zorn spüren, der schon lange tief in ihm verwurzelt gewesen war: Immer war Klaus der Bessere gewesen: in der Schule, beim Sport, an der Uni. Immer. Und dann hatte er ihm auch noch Maria weggeschnappt, die er doch eigentlich zuerst kennen gelernt hatte. Lars Hände zuckten vor, wie sie es auch damals getan hatten.
Der Kasten mit den Fotografien stürzte durch den Stoß wie in Zeitlupe vom Tisch und schlug auf dem Steinboden auf.

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