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Endlich eigentlich
von Nadja Kurz
Eigentlich hätte ich Bilanzen prüfen müssen. Doch dann habe ich ihn wieder gesehen. Endlich. Gott sei Dank. Als ob er sich aus der Flut meiner Gedanken direkt vor meine Füße gespült hätte, steht er plötzlich da. Freigegeben von drängenden Verpflichtungen, die den Blick auf ihn versperrten, wie graue Wolken manchmal die Sicht auf die Sonne verstellen. Er erwartet mich lächelnd, Gepäck in der Hand, still und kraftvoll wie ein unsagbar magisches Gefühl. Wir sprechen kein Wort, halten uns fest, lachen wild wie über einen unglaublichen Scherz, streicheln und umarmen uns.
„Ich will dich nie mehr verlieren“, sage ich. Langsam verebbt das Lachen in mir und weicht einem Aufgehen in wohliger Stille, während ich unverwandt in sein Gesicht schaue. „Ich war nie weg“, entgegnet er und wartet darauf, dass unsere Nasenspitzen sich berühren. Wie etwas Zerbrechliches nimmt er meinen Kopf in seine Hände und gibt mir einen immer tiefer gehenden Kuss auf die Stirn. Ich schließe die Augen, atme tief ein und aus, fokussiere meine Aufmerksamkeit auf ihn, bis sich kein Gedanke mehr in meinem Bewusstsein regt und - endlich - die Worte mich finden, nach denen ich so lange schon suche.
Diese Leichtigkeit. Wie die eines Kindes, das von sich und der Welt nur das weiß, was es fühlt, wenn es in liebende Augen schaut. Vergessen der Alltag und meine Selbstzweifel.
„Warum gefalle ich dir eigentlich?“, frage ich ihn plötzlich.
Er zuckt mit den Schultern.
„Sag’ schon. Was an mir zieht dich an?“
„Vielleicht die steile Denkerfalte zwischen deinen Augenbrauen, die ich immer wieder küssen muss.“
„Das wird es sein.“
Wir lachen über die Mühelosigkeit dieser Aufklärung, die meine anstrengenden Versuche ironisiert, mit dem Verstand die Quellen der Gefühle zu erfassen. Immer noch begreife ich nicht, warum gerade er der Angelpunkt ist, um den sich mein Leben immer schon gedreht hat. Warum ich mich in seiner Nähe nicht länger als Marionette im Dienst des Überlebens fühle. Woher in seiner Gegenwart die Überzeugung reift, dass ich in meinem mir selbst rätselhaften und unsichtbaren Wesenskern richtig bin.
Seit fünf Monaten leben wir offiziell zusammen, doch kommt es mir vor, als seien es Jahre. Wenn er bei mir ist, sind Tage, Stunden und Minuten mit Augenblicken gefüllt, die im Vergehen einen Hauch von Dauer hinterlassen.
Er nimmt mich an die Hand. Fixiert meinen Blick, während er mir lächelnd die Frage stellt: „Sag’, warum hast du mich so lange warten lassen?“
„Weil…“ Mehr Mühelosigkeit kriege ich in meinem Erklärungsversuch nicht hin. „Eigentlich...“ Die Worte bleiben mir im Hals stecken: Da steckt kein Eigen in diesem Eigentlich. Ihm hätte ich mich schon vor langer Zeit zuwenden müssen, allein ich fand die Worte nicht. Ich schließe die Augen und atme bewusst, bis mich die Worte finden: „Hättest du Lust, bei mir zu bleiben und Wurzeln zu schlagen, so tief und gründlich, dass nichts und niemand uns umwerfen kann?“
Ich blicke ihm in die Augen, ihm, dem ich mich in meiner Sprachlo¬sigkeit ganz und gar verschrieben habe.
Er lächelt. Lässt mich wie immer nicht im Stich. Wird mich erwarten, wie er es immer schon tat: Der Wunsch, mich auszudrücken.



