Leergut

von Dorothee Schnitzler


„Toll!“, Nick ging um das Rad herum.
„Ja, Halogenscheinwerfer und 27 Gänge.“, brüstete sich Danny. Sein neues „Jugendbike“ blinkte.
Sie gingen zu Fuß von der Schule nach Hause. Die Mittagssonne malte Schweißtropfen auf Nicks Nase. Danny hielt sein Rad mit der rechten Hand, seine linke umfasste ein Eishörnchen: Vanille-Schoko-Kirsch. Sein Schnürsenkel schleifte auf dem Boden.

„Halt mal eben.“
Nick, nun Rad und Eis in seiner Hand, stierte auf die tauende Leckerei. Seine Hosentaschen waren leer bis auf ein schmuddeliges Papiertaschentuch. Die kalte Süßigkeit tropfte auf seinen Handrücken. Er leckte sie ab – wie süß! - ein Eishimmel öffnete sich ihm. Er naschte wieder von der schmelzenden Creme am Hörnchenrand.
„Gib her“, ärgerte sich Danny. Während sie gemeinsam weitergingen, lauschte Nick dem Schlecken und Schmatzen und Zerbersten von Waffel an seiner Seite. Er schluckte.
Danny schwang sich auf sein Rad.
„Tschüss, Alter.“
„Ja, Tschüss.“
Nick ging allein weiter durch den Schatten. Der Schulranzen wog schwer auf seinem schweißnassen Rücken. Er schaute auf seine Sandalen. Ein milchiger Tropfen verteilte sich zwischen den Zehen.
Zu Hause suchte er in der Küche nach Essbarem. Er stieg über eine volle Abfalltüte, verscheuchte Fliegen. Der Kühlschrank war ebenso leer wie die verkrusteten Töpfe auf dem Herd. Dannys Eis tanzte vor seinen Augen.
„Mama?“
Sie war nicht im Bad, nur schmutzige Wäsche. Er öffnete die Tür zum Wohnschlafzimmer. Sie schnarchte auf dem ungemachten Sofabett, ihre Mundwinkel waren sogar im Schlaf heruntergezogen. Er rüttelte an ihrem Arm, erblickte die leere Schnapsflasche hinter der Sofalehne. Jetzt wusste er, dass es keinen Zweck hatte.
Früher, als Papa noch bei ihnen lebte ..
Nick nahm seinen Wohnungsschlüssel, stieg langsam die Treppe hinunter. Auf seinen Füßen vertrocknete der Eisrest. Draußen lastete die Hitze auf dem Asphalt. Er wusste nicht wohin.
Hinter ihm öffnete sich ein Fenster, die Nachbarin unten rechts, helle Augen, Gesicht wie eine Torte.
„Na, Nick, schon zu Hause?“
Sie reichte ihm eine Tasche durch das Fenster.
„Leergut, Nick, tausch die Flaschen ein. Bring mir drei volle mit, ja?“
Hinten im Supermarkt stand der Automat für das Leergut. Die Flaschen verschwanden klirrend im Maul des Apparates. Nick drückte auf einen Knopf. 3,15 € zeigte der Gutschein, genug Geld für eine Portion Eis.
Da entdeckte er neben der Tür eine riesige Kiste mit leeren Flaschen. Die Tür zum Lagerraum stand offen, weit hinten stapelte ein Angestellter Ware. Er schaute sich um: niemand. Eine, zwei, drei .., hastig packte er leere Flaschen in seinen Beutel, lief erneut zur Annahme. Gleichmütig verschluckte der Apparat auch diese, entließ einen zweiten Gutschein in Nicks zitternde Hand, 2,80 € – sein Eis.
Er riss drei volle Flaschen Limonade aus dem Regal, bezahlte, löste beide Gutscheine ein und rannte zur Eisdiele.
„Bitte ein Eis, Vanille-Schoko-Kirsch.“ Er trat von einem Bein auf das andere. “Und eine Portion Sahne.“ Mit Ehrfurcht nahm er das volle Hörnchen entgegen.
Der Vanilleduft roch intensiv durch Mund und Nase. Er drehte die Waffel in der Hand, schleckte sich lösende Tropfen und begradigte mit der Zunge das Sahnehäubchen, erstaunt über feine Rillen, die seine Zunge auf die Kugeln zeichnete.

Gerade als Nick die Straße überqueren wollte, fuhr Danny auf seinem neuen Rad daher.
„Mensch, du Blödmann, kannst du nicht aufpassen?“
Danny gab ihm vom Sattel einen kräftigen Tritt. Nick stolperte, fiel vornüber. Sein Eis flog in hohem Bogen auf den Asphalt, Limonadenflaschen zerscheppern. Er rappelte sich hoch und sah noch, wie sich Dannys empörtes, dann grinsendes Gesicht auf dem Rad entfernt. Die Eiskugeln schmolzen auf der Straße, ein Farbfleck, weiß-braun-rot, Splitter von Waffel.
Schmutzige Autoreifen rollten darüber.

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