Toilettenblues oder über die Schizophrenie des Alltags

von Sandra Harms


Mit unsanftem Schwung lasse ich die Tür ins Schloss fallen. Rums! Auf einmal sind die lauten Kindergeräusche des Flurs nur noch gedämpft zu hören.
Ich lehne mich an die weiße Badezimmertür und schließe die Augen. Nur eine Minute Pause. Ist es nicht grotesk, dass der Gang zur Toilette als einzige Möglichkeit für mich geblieben ist, tagsüber allein zu sein?
Mit einem tiefen Seufzer setze ich mich auf den kalten Toilettensitz. Von draußen nehme ich wieder deutlicher die hellen Stimmen meiner Kinder wahr.
„Pass auf! Siehst du, jetzt hast du es kaputt gemacht! Blödmann!“
Da ist sie, die laute Stimme meiner siebenjährigen Tochter, wenn sie besonders wütend auf ihren kleinen Bruder ist. Ich hasse dieses schrille Keifen. Es lässt meinen Pulsschlag in ungeahnte Höhen schnellen. Erinnert es mich vielleicht zu sehr an mich selbst, wenn ich die Fassung verliere und hemmungslos mit meinen Kindern schimpfe?
Ich ziehe die Toilettenspülung und gehe zum Waschbecken.
Von jenseits der Badezimmertür höre ich lautes Geschrei, diesmal zweistimmig. Darauf polterndes Türknallen. Nun fängt auch meine Einjährige, die ich in der Obhut ihrer Geschwister gelassen habe, zu weinen an.
„Das sag‘ ich alles Mama!“ Die Stimme meines Sohnes hat einen hysterischen Unterton. Wütendes Stampfen auf dem Flur, wieder knallt eine Zimmertür. Laute Rap-Musik dringt zu mir ins Bad.
Beim Händewaschen sehe ich mein Gesicht im Spiegel. Sehe, wie meine Mundwinkel eigentümlich verzerrt sind. Ein angespanntes Gesicht, ein müdes Gesicht. Unmerklich haben sich Tränen in meine Augenwinkel geschlichen. Nein, jetzt nur nicht weinen.
Sehnsüchtig blicke ich zur Uhr, die tickend über meinem Kopf an der blau gefliesten Wand hängt. Noch zwei Stunden durchhalten, dann werden sie alle drei ins Bett gehen. Sofort schäme ich mich für diesen Gedanken.
Ich trockne meine Hände. Habe ich eben ein leichtes Zittern bemerkt? Meine Nerven sind dünn geworden wie brüchiges Eis auf einem nur leicht zugefrorenen See.
Wieder Kindergeschrei, Kindergetrampel, Kinderweinen.
Ein letzter Stoßseufzer, dann bewege ich mich langsam zur Tür. Die Klinke in der Hand, kämpfe ich noch immer mit den Tränen. Habe ich mir einmal mein Leben so vorgestellt?
Der Lärm auf dem Flur hat in der Zwischenzeit kolossale Ausmaße angenommen. Tapfer öffne ich die Badezimmertür.
Vor mir stehen drei kleine, blonde Geschöpfe. Das Kleinste von ihnen ist als Marienkäfer verkleidet mit einem rot-schwarz gepunkteten Kapuzenumhang und einer  schwarz angemalten Nase. Die beiden Größeren halten gemeinsam ein überdimensionales Pappschild hoch, das mit einem langen Klebestreifen geflickt ist. Auf dem Schild steht in bunten Tuschfarben: „mama ist die bäste“. Dreistimmiger Kinderjubel. Drei liebe Mondgesichter, die aus blauen Augen stolz um die Wette strahlen.
Und was mache ich?
Ich strahle aus übervollem Herzen zurück und drücke meine Kinder an mich. Dann schließe ich sanft die Badezimmertür und trete hinaus in den hellen Flur.

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