Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Der Schweinehund
von Konstantin Hauf
Hart hallt der Knall von den Häuserwänden wider, über die Köpfe Tausender hinweg. Der Mann neben mir bekreuzigt sich, ein Anderer betet in den stahlblauen Himmel und die Frau vor mir winkt ihren Liebsten ein letztes Mal zu. Umzingelt von Menschen, die ich gar nicht kenne und ihnen doch so nah bin, beginne ich zu laufen. Abschied nehmen für eine 42 195 m lange, einsame Reise in mein Inneres, in das Unbekannte. Bezwingt mein Wille den Bauch, diesen Hort der oft siegreichen Bequemlichkeit? Ertrage ich den Schmerz, diesen Fehdehandschuh gegen mein Bestreben? Den Meisten um mich herum geht es genauso. Keiner redet darüber, es ist auch nicht die Zeit dazu, aber es macht einsam. Jene Einsamkeit, die meine inneren Stimmen, scheu wie Rehe, hervorlocken. Ich laufe wie der Hamster im Rad, immer weiter, meiner Innenwelt entgegen, die glitzernde und verführerische Reeperbahn entlang. Der Tross der Massen trabt über den Asphalt und so mancher an mir vorbei. „Sollen sie, wir sehen uns später wieder“, motiviere ich mich kühn. Ich klemme mich hinter einen Läufer, starre auf seinen Rücken, folge ihm bis mein Körper im Rhythmus wohltuender Harmonie mit der Seele im Gleichklang schwingt. Ich fühle mich wie eine kraftvolle Dampflok, deren Zischen so rhythmisch ist wie das Trippeln meiner Beine und deren Kuppelstange die Räder so schwungvoll antreiben wie meine Arme den Körper. Leicht und elastisch federe ich schnell Kilometer 21 entgegen, aber das Ganze jetzt noch einmal. An einem Straßenrand haben sich fein frisierte und dezent geschminkte, ältere Damen um einen gepflegt gedeckten Tisch zum Sektfrühstück versammelt. Ich applaudiere den vergnügten Damen zu, die mir verschmitzt an den erhobenen Sektgläsern vorbei zulächeln. Lautes rhythmisches Trommeln und schrilles Pfeifen treiben mich an, ätzende Sprüche auf Plakaten lenken mich ab: “Ihr seid ja ganz schön doof!“, lese ich. „Wohl wahr, aber einmal im Jahr darf man das wohl sein“, tröste ich mich. Ich rieche den verführerischen Duft von gegrillten Würstchen. Es stinkt, belüge ich mich, um Herr der Entsagung zu bleiben. Die Fußsohlen brennen und die Knie schmerzen. „Weiterlaufen, Beine, das vergeht, ich weiß es!“
„Sei nicht doof, bleib stehen “, provoziert mein innerer Schweinehund.
„Im Alltag gewinnst du“, werfe ich ihm entgegen, „aber nicht heute, mein Lieber!“ Der Schweiß rinnt und die müden Beine werden schwerer.
„Lass´ es sein, bleib stehen“, flüstert die Versuchung.
„Nein, die Blöße geb´ ich mir nicht!“ Kilometer 30. „Was war, als ich 30 Jahre jung war?“ Die Antwort lotst mich in mein Innenleben. Ich blicke nach vorn, aber in Wirklichkeit in mich hinein. Als ich wieder „aufwache“, lese ich „km 38“. „Acht Kilometer weggeputzt“, triumphiere ich. Jetzt noch läppische Vier. „Schweinehund, was sagst du nun? Du bist still geworden!“ Dem Ziel so nah, noch 40 Minuten, ein Klacks. Du schaffst es! Hinter der Kurve da vorne werde ich dich endgültig bezwingen. Ich schwebe auf dem heißen Asphalt dem Ziel entgegen, angefeuert aus Tausend Kehlen. Ein wohliger Schauer läuft über meinen nassen Rücken, die „Freude schöner Götterfunken“ verzaubert meine Haut, gerupfter Gänse gleich. Im Augenblick des Zieleinlaufes lache ich, kann es gar nicht verhindern und gleite empor in diese himmlische Stille der Entrücktheit wie ein Segelflieger, einsam am Himmel schwebend von unsichtbaren Aufwinden getragen. Im erschöpften und ausgelaugten Körper verströmt die Seele ein hemmungsloses Gefühl der Freude und Demut. Jetzt ein Bier, Schweinehund, du darfst wieder.



