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Das Versprechen
von Theresa Rode
„Heute muss ich es ihm sagen“, dachte Rita Hartmann, als sie das Kaffeetablett in den Garten hinaustrug. Sie stellte es vor ihrem Mann ab.
„Ach, Ritachen, du verwöhnst mich. So angenehm hätte ich mir noch vor einem Monat das Rentnerleben nicht vorgestellt.“ Er beugte sich nach vorn und strich seiner Frau liebevoll über den Arm. „Schön stehen die Tannen, findest du nicht? Man sieht von den Graumüllers und ihrer Nachkriegshütte rein gar nichts mehr.“
Sie warf ihrem Mann einen raschen Blick zu, klapperte mit dem Geschirr und reichte ihm schließlich einen Kuchenteller. Dabei dachte sie ununterbrochen: Du musst es ihm jetzt sagen, jetzt.
Aufgeräumt und mit vollem Mund kam er ihr zuvor: „Weißt du, ich habe gestern im Baumarkt so einen Whirlpool gesehen.“
„Wie? Oh nein, Alfred, nicht schon wieder. Hast du hier nicht schon genug gebaut?“ Sie beschrieb mit der Hand einen weiten Bogen über das Haus, den geschorenen Rasen bis hinüber zu den Tannen.
„Der hat zwei Plätze. Stell dir vor, Ritachen, du und ich, wir könnten dann so im Sprudelwasser liegen, Sekt schlürfen. Wär’ doch was!“
„Du trinkst doch eh nur Bier. Und außerdem, wohin mit dem Ding?“
Alfred Hartmann setzte sich im Liegestuhl kerzengerade auf. „Schon bedacht. In den Keller, neben den Heizungsraum. Da kommt die Sauna hin, mit allen Schikanen. Sozusagen unser privates Freizeitcenter. Das sagen wir keinem und haben nur allein unseren Spaß.“ Er kicherte genüsslich.
„Du und Spaß. Du hast doch nur Spaß, wenn du was basteln kannst. Lass uns mal wegfahren. Was Anderes sehen.“
„Aber Rita, haben wir denn nicht alles hier? Einen beheizbaren Pool, einen Wintergarten, eine…“
„Ja, schon. Aber ich sitze immer nur zu Hause. Du hattest bis jetzt wenigstens deine Arbeit und kamst raus. Zum Beispiel die Malediven, die kennen wir nur aus dem Fernsehen. Aber Graumüllers sind schon zwei Mal hingefahren. Dort ist das Wasser türkis und durchsichtig. Man kann eine ganze Insel für sich allein haben. Nur Palmen und Meer. So viel Schönheit.“ Sie schwieg versonnen.
„Woher weißt du, dass die Nichtstuer von nebenan in Maledivien waren?“ Seine Stimme klang plötzlich hart. Er hatte sich ihr voll zugewandt.
„Malediven, Alfred, Malediven heißt das. Das sind Inseln in der Südsee.“
Er sah sie lange, mit prüfendem Blick an.
„Hast du etwa mit denen da geredet?“ Er bewegte den Kopf ruckartig einmal in Richtung des nachbarlichen Grundstücks. „Woher weißt du, dass die da auf den Maledivien waren?“
„Malediven. Schau, in dieser Straße weiß doch jeder von jedem alles.“
„Rita, ich hab dir bei unserer Heirat gesagt, ich biete dir ein sorgloses Leben. Habe ich mein Versprechen gehalten?“
Sie wusste, was jetzt kam, und fühlte sich elend.
„Ach, Alfred, die Sache mit den Tannen ist doch schon Jahrzehnte her. Findest du nicht, dass langsam Gras darüber gewachsen ist?“
Alfred Hartmann stellte seinen Kuchenteller bedächtig auf den Rasen und erhob sich schwerfällig.
„Also, ich habe mein Wort gehalten. Und du, hältst du dein Versprechen, das einzige, um das ich dich jemals bat?“ Seine Stimme hatte einen drohenden Unterton.
„Alfred, versteh doch, bitte.“
Er stand jetzt direkt vor ihr. Sie konnte sein Gesicht nicht mehr sehen, weil er die Sonne im Rücken hatte. „Nein, Rita, ich will jetzt wissen, ob du dein Wort gehalten hast. Ich dachte, es ist ein für allemal klar, dass diese ganze Sippe von nebenan Luft ist. Prozessiert hat der Alte gegen mich, dieser, dieser Oberlehrer, dieser Nichtskönner, der nicht einmal einen ordentlichen Rasen hingekriegt hat!“ Er rang nach Luft und schüttelte drohend eine Faust in Richtung der Tannen.
Sie schwieg. Sie brauchte Zeit zum Überlegen. Sag es ihm, sag es ihm jetzt, dachte sie und spürte, wie sie zu zittern anfing. Es war ihr unmöglich, ihrem Mann gerade in die Augen zu schauen.
„Reg dich doch bitte nicht so auf.“
„Ich frage dich zum letzten Mal, ob du mit denen da geredet hast. Antworte!“
Sie schwieg weiter. Da beugte er sich zu ihr hinunter und packte sie bei den Armen. Sein Gesicht war hochrot vor Wut. Er blickte sie fest an.
„Also!“
Sie machte sich ganz klein auf ihrem Liegestuhl, zog sich, soweit sie konnte, in sich zusammen, bündelte ihre ganze Kraft. Sie sprach sehr leise, fast bittend, ohne ihn anzublicken: „Alfred, es ist doch schon so unendlich lange her. Der alte Graumüller liegt seit zehn Jahren unter der Erde. Seine Kinder haben mit der Sache gar nichts zu tun. Du hast den Streit gewonnen, die Tannen stehen. Kannst du nicht endlich verzeihen?“ Zum ersten Mal empfand sie Angst vor ihrem Mann und suchte, sich aus seinem eisernen Griff zu lösen.
„Weich mir nicht aus! Sag, hast du geredet mit denen? Ja oder nein?“
„Nein.“ Sie konnte ihn nicht ansehen, es war ihr unmöglich.
„Sieh mir in die Augen. Und sag es noch einmal!“
Sie hob den Blick für einen Augenblick.
„Nein.“
Sehr langsam löste er seine Hände von ihr, bückte sich nach dem Kuchenteller und ließ sich schwer atmend in den Liegestuhl zurückfallen.
Nach einigen Minuten des Schweigens, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, stand Rita Hartmann auf, schnitt ein paar Rosen. Die nahm sie in die Küche mit, wo sie für das Abendessen sorgte.
Am nächsten Tag fand Frau Graumüller einen Rosenstrauß mit einem Zettel vor ihrer Haustür: -Leider kann ich doch nicht mehr auf euer Baby aufpassen. Und grüßt um Gottes Willen nicht, wenn wir uns zufällig auf der Straße begegnen. R.-



