Lippenstift

von Annett Bastian


Gestern war es soweit. Ich kaufte mir zum allerersten Mal in meinem Leben einen sündhaft teuren Givenchy-Lippenstift, für 26,50 Euro. Meine Lieblingsfarbe von Jade, ein Mix aus rot, braun und orange, leicht schimmernd, ging zu Ende. Ich brauchte Ersatz.
Im einschlägigen Drogeriefachgeschäft trieb ich mich zunächst einige Zeit herum und malte mir die Hand voller Lippenstiftstriche, um meine Farbe zu finden. Leider Fehlanzeige. Danach bin ich sofort zu Douglas gegangen. Während mein Blick über die glitzernden Schaukästen streifte, ging mir blitzartig durch den Kopf, was für eine Lebenszeit verplempernde Maßnahme das war.
Ich bin noch nie mit einer Freundin zum Lippenstifttest losgezogen. Ich halte das für eine überzogene Geste gelangweilter Mittelstandsfrauen, die lieber oberflächliche Werte pflegen, anstatt sich einer Demo gegen Atomkraftwerke anzuschließen. Aber für mein frauliches Wohlbefinden war es von allergrößter Notwendigkeit, den richtigen Lippenstift zu finden.
Mit der Wahl der Lippenstiftfarbe ist der kreative Prozess des Gestaltens abgeschlossen. Sie setzt der gestylten Frau die alles entscheidende Krone auf. Wenn die nicht passt, bekommt man schlechte Laune. Ein: „Naja, das ist etwas zu braun, aber jetzt zum Beginn des Herbstes eigentlich ganz passend.“, geht da einfach nicht, liebe Beraterin. Das Kolorit muss stimmen.
Ich ließ mich also emsig beraten. Die Verkäuferinnen malten sich gekonnt viele Striche von den Lippenstiften auf ihre Hand, nachdem sie sich mit meinem mitgebrachtem Stift ihre Referenzlinie zogen. Dann nahm ich vor einem Spiegel Platz. Ich schluckte nervös.
Normalerweise mache ich immer einen großen Bogen um Schminkvorrichtungen. Ich belächle insgeheim Frauen die sich, in aller Öffentlichkeit, auf diesen Stühlen anpinseln lassen. Das ist wirklich niederträchtig. „Die haben wohl sonst nichts zu tun.“, entfährt  es mir dann grimmig. Nun saß ich selbst voll geniertem Selbstbewusstsein, aber ohne Selbstbelächelung auf dem Stuhl  bei Douglas und war mit den Gedanken irgendwie auch beim Zahnarzt, dem einzigen anderen fremden Menschen, der sonst noch in meinem Gesicht herumfuhrwerken darf. Diese Erinnerung schob ich aber beiseite und konnte genießen. „Ah! Wie schön.“, ermunterte ich mich. Die junge Beraterin stand mit einem vollen Dekolleté direkt vor mir. Ich konnte ihren leicht säuerlichen, nach Kaffee abgestandenen Atem riechen, während sie mit einem Pinsel die Farbe vom Tester kratzte, um diese dann sanft bei mir aufzutupfen. Das auszuhalten kostete mich einige Überwindung.
Jetzt weiß ich aber, warum sie das machen. Man fühlt sich wie ein Model und gleich ganz dünn, wenn man nur angepinselt wird. „Geschickte Verkaufsstrategie.“, dachte ich weiter. „Wenn man sich in diesem Moment wie eine der schönsten Frauen der Welt fühlt, kauft man auf jeden Fall und kommt gerne wieder.“
Mein Givenchy-Lippenstift. Stolze 26,50 Euro. Perfekte Farbe, tolle Verpackung und eine noch tollere Rausdrehhülle, aus billigem schwarz glänzendem Plastik, das wie teurer Klavierlack aussieht.
Als ich ihn nach der Bezahlung stolz und glücklich in meinen etwas heruntergekommenen Stadtrucksack fallen ließ, stieg mir plötzlich der dringende Gedanke hoch, dass ich noch die passende Handtasche dazu bräuchte. Gleichsam öffnete sich vor meinem Auge, wie durch ein Wunder, ein Oilily - Warenständer, der voll war mit bunten Handtaschen, Kosmetiktaschen und Etuis. Allesamt niedlich bunt und wirklich herzallerliebst. „Aber nein! Das sind auch nur vergängliche Werte und lange nicht so wichtig wie die Farbe des Lippenstiftes.“, sagte ich mir.
Den Rucksack schnallte ich hinten auf. Den sah man nicht gleich. Mit dem Gesicht konnte ich das nicht machen.

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