Zwischen Himmel und Höllen

von Sandra Duffner


Mathilda schlug die Augen auf. Geblendet vom gelben Licht, musste sie blinzeln. Die Schmerzen in ihrem Kopf pochten gegen die Schädeldecke wie ein Presslufthammer. Mathilda erinnerte sich an den Wohnwagen, der auf der Straße vor ihr, im Tempo einer watschelnden Ente, fuhr. Hitzig hatte sie den Blinker gesetzt, den Wagen auf die Gegenfahrbahn gelenkt und dabei das Gaspedal bis zum Anschlag durchgetreten. Den entgegenkommenden PKW hatte sie völlig übersehen.
Mathilda riss die Augen auf und versuchte, sich aufzurichten. Schmerzen durchzuckten ihren Körper wie Blitze eines heftigen  Gewitters. Sie bemerkte einen weißgekleideten Mann mit schwarzen Haaren und stechend blauen Augen neben sich. Der Chefarzt, schoss es ihr durch den Kopf. Wie sie Krankenhäuser mit samt ihren Quacksalbern hasste. „Herr Doktor, was ist mit mir passiert?“
„Ich bin kein Arzt“, sagte der Mann mit einer weichen Stimme.
„Bin ich tot?“ Mathilda schaute sich um, konnte außer dem gelben Licht aber nichts anderes wahrnehmen.
„Ja, Mathilda, du bist tot.“
Sie seufzte erleichtert, „dann bist du sicher Gott und ich bin im Himmel?“
„Leider nein, Mathilda. Ich bin nicht Gott. Ich bin der Pförtner.“
„Der Pförtner?“, Mathildas Magen krampfte sich zusammen.
„Ich bin der Pförtner zum Himmel und zur Hölle.“
„Und wo komme ich jetzt hin? Doch wohl in den Himmel?“
„Dein Mann und deine Eltern, sie sind im Himmel, sieh nur“, der Pförtner zeigte auf ein riesiges Bild direkt vor ihr.
Klaus, ihr verstorbener Ehemann, saß in einem Schaukelstuhl vor einem prächtigen Anwesen mit paradiesischem Garten.  
Weitere Bilder erschienen, wie eine überdimensionale Diaschau, vor Mathildas Augen. Sie sah lauter bereits verstorbene Verwandte oder Bekannte. Nur die Frau mit den beiden kleinen Kindern auf dem letzten Bild, die kannte Mathilda nicht.
„Das sind die drei Leben, die du bei deinem Überholmanöver ausgelöscht hast.“
„Das ... das wollte ich nicht.“
„Das mag schon sein, aber trotz deines schlechten Gewissens kommst du nicht in den Himmel. Tut mir leid, Mathilda.“
„Bitte nicht, nein, ich will nicht in die Hölle“, bettelte sie schluchzend und warf den Kopf hin und her.
„Der Teufel wird nun deine Seele holen“, sprach der Pförtner sein Urteil.
„Nein, n-e-i-n“, schrie Mathilda.

„Das ist wieder einer dieser Anfälle, die ihre Mutter in regelmäßigen Abständen bekommt“, erklärte der Stationsarzt Marianne. Ihr Blick ruhte auf ihrer Mutter, die sich stöhnend hin und her warf. „Wird sie wieder gesund werden?“
„Schwer zu sagen“, seufzte der Arzt. „Die Tatsache, dass sie für den Tod dreier Menschen verantwortlich ist, hat ein schweres Trauma bei ihr ausgelöst.“ Er fasste Marianne an der Schulter und schob sie in Richtung Tür. „Gehen Sie nach Hause und ruhen Sie sich aus. Sie werden noch viel Kraft brauchen.“
Marianne wandte den Blick von ihrer Mutter ab. „Das hätte ihr und dieser Familie nie passieren dürfen“, murmelte sie und verließ das Zimmer.

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