Der Fall Heiko Wiesner

von Nina Berner


Wieder einmal saß ich an seinem Bett und hielt seine Hand in meiner. Ich fragte: „Warum ausgerechnet du? Hast du sie provoziert? Was ist an diesem Tag wirklich passiert?“ und wieder bekam ich keine Antwort auf meine Fragen. „In den Nachrichten habe ich lange nichts von deinem Fall gehört. Ich glaube nicht, dass die Polizei sie gefunden hat“, erklärte ich ihm.
Es war der 22. September und wie jeden Werktag wollte ich mit der U2 zum Potsdamer Platz fahren. Ich ging wie jeden Tag in die U-Bahnstation Wittenbergplatz. Wie jeden Tag wunderte ich mich über diesen miefigen Geruch, nach Urin und anderen Fäkalien. Die gelben Wände hatten schon bessere Zeiten erlebt, die Farbe blätterte an vielen Stellen ab und überall waren Graffitis gesprayt und Aufkleber hingen halb abgerissen herunter. Es war 16.21 Uhr, meine U-Bahn sollte in 6 Minuten kommen. Ich ging die Stufen hinunter. Dann hörte ich ein fürchterliches Geschrei. Meine Schritte wurden langsamer, mein Herz raste, mein Atem stockte und meine Neugier wuchs bis ins Unendliche. Ich sah, wie vier Jugendliche auf einen wehrlosen Mann erbarmungslos einschlugen. Den Mann hatte ich häufiger nach der Arbeit gesehen. Er war Mitte dreißig, hatte blonde, kurze Haare und blaue, leuchtende Augen. Scheinbar arbeitete er dort, denn er trug täglich einen Blaumann und Sicherheitsschuhe.  Mein Interesse an ihm war schon lange geweckt, denn seine sportliche Figur und sein sanftes Gesicht lösten in mir unbeschreibbare Sehnsüchte aus. Schnell lief ich die Stufen wieder nach oben und versteckte mich hinter einer Litfasssäule, kramte in meiner Tasche nach meinem Handy und rief sofort die Polizei an. Als die U-Bahn kam, verstummte das Geschrei. Die Durchsage ertönte: „Bitte zurück bleiben, die Türen schließen.“ Dann schrie eine ältere Dame: „Oh mein Gott. Hilfe?!? So helft ihm doch.“ Ich rannte die Treppe hinunter und sah den Mann bewusstlos auf dem harten, kalten Betonboden liegen. Die Täter waren verschwunden. Dieses Bild werde ich nie vergessen. Er lag da, in einer Blutlache, drei ausgeschlagene Zähne neben ihm, übersät mit blauen und roten Flecken, die Nase schief und scheinbar gebrochen, der Arm sichtbar ausgekugelt und das Bein vollkommen verdreht. Mir stiegen Tränen in die Augen. Ein dicker Kloß machte sich in meinem Hals breit. Ich besann mich und rief einen der schaulustigen Männer zur Hilfe. Dann kniete ich mich neben Heiko und überprüfte seinen Puls und seine Atmung, doch nichts dergleichen war gegenwärtig und ich begann auf der Stelle mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Die Herzmassage führte der helfende Mann durch. Ich dachte er wäre tot und mir wurde speiübel bei diesem Gedanken. Überall an mir klebte sein Blut, dessen metallener Geruch mir in die Nase stieg. Minuten des Wartens waren wie Stunden, bis endlich die Rettung eintraf.
Es hilft mir, das Geschehene zu verarbeiten, wenn ich ihn sehe, ohne all die blauen Flecken im Gesicht. Er sieht jetzt aus wie früher. Doch sein Leben wird durch die vielen Geräte erhalten, an denen er mit Schläuchen und Kabeln verbunden ist. Seit dem 22. September liegt Heiko im Koma und die Ärzte geben ihm kaum Überlebenschancen. Seine Familie und vor allem seine drei Jahre jüngere Schwester Nora, glauben daran, dass Heiko wieder ganz der Alte wird, doch mit jedem Tag, den er länger im Koma liegt, schwindet auch diese Hoffnung. Ich fahre nur noch mit dem Taxi und habe meine täglichen Gewohnheiten geändert. Nach der Arbeit lasse ich mich immer erst ins Krankenhaus bringen, um nach ihm zu sehen. Doch bis heute schläft er tief und fest.

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