Buchtipp: Nnedi Okorafor – Der Tod der Autorin
Der Tod der Autorin ist sowohl lebendiger, spannender Roman als auch Reflexion darüber, wer eigentlich die Deutungsmacht über unsere kreativen Schöpfungen hat, seien es Romane, Roboter oder die Geschichten, wie wir übers Menschsein erzählen.
Okorafor folgt dabei zwei Spuren: In einer Rahmengeschichte begleiten wir eine Schriftstellerin, die mit plötzlichem Ruhm, großen Erwartungen und mit der Frage ringt, wem ihre Geschichten eigentlich gehören. Sie kämpft um Kontrolle über ihr eigenes Werk.
In einer Binnengeschichte – dem Roman, der die Autorin so plötzlich erfolgreich macht – geht es um Roboter, die in einer posthumanen Welt eine neue Zivilisation erschaffen. Dabei entwickeln sie eigene Deutungen, was ‚Menschlichkeit‘ ist, und was davon bewahrt oder überwunden werden sollte. Sie verarbeiten das Erbe ihrer untergegangenen Schöpfer und ‚schreiben‘ die Welt neu.
Erzähltechnisch bemerkenswert ist dabei ein Unterschied zwischen Rahmen- und Binnengeschichte. Die Rahmengeschichte macht das, was wir in jedem Schreibratgeber lesen: Show, don’t tell. Sie ist szenisch und figurenorientiert, besteht aus konkreten Situationen und Dialogen. Die psychologische Entwicklung der Hauptfigur steht im Vordergrund und wir kommen ihr emotional nahe.
Die Binnengeschichte ist beschreibend und konzeptuell. Der Fokus liegt auf Weltbeschreibung und Umständen. Es gibt nur wenige Dialoge, der Tonfall erinnert an eine Chronik: Tell, don’t show. Dadurch entsteht eine größere Distanz zu den Figuren.
Eine lebendige, konfliktreiche, gezeigte Handlung rahmt also eine kühlere, posthumane Erzählwelt. Durch diesen Kontrast erleben wir die eine Geschichte als näher und ‚realer‘, die andere als entfernter und „erfundener“. Zugleich sehen wir in beiden Fällen, dass die Geschichten Eigenleben entwickeln, eigenständige Realität erzeugen. In beiden Geschichten geht es um Schöpfung.
Roman
Ullstein Verlag
ISBN: 978-3550204395