Schreibtipp 5 Dialog
Cover Caroline Wahl die Assistentin

Buchtipp: Reduktion und Subtext: Caroline Wahl – Die Assistentin

Caroline Wahl erreicht mit ihren Romanen sowohl das Feuilleton als auch ein Massenpublikum. Die Assistentin entfaltet einen Reiz auch dadurch, dass die Autorin auf eigene Erfahrungen im Verlagswesen zurückgreifen kann, sodass man das Gefühl bekommt, einen seltenen Blick hinter die Kulissen werfen zu dürfen. Die Handlung ist dabei nicht spektakulär: Eine junge Frau, Charlotte, arbeitete als Assistentin in einem Verlag. Sie ist äußerlich angepasst und kontrolliert. Innerlich wird sie von familiären Prägungen und emotionaler Distanz bestimmt. Als sie sich auf eine Beziehung mit einem Kollegen einlässt, gerät ihr mühsam aufgebautes Gleichgewicht ins Wanken. 
In Die Assistentin tragen die Dialoge wesentlich zur Charakterisierung der Figur und zur Atmosphäre bei: Sie sind nüchtern, lakonisch, knapp, alltagssprachlich, schnörkellos. Vieles bleibt unausgesprochen. Das erzeugt oft emotionale Leerstellen, was zu Charlottes innerer Verfassung passt: Sie gibt nichts von sich preis, lässt keine Nähe und keine Gefühle zu. 
Was Caroline Wahl durch diese reduzierten Dialoge vor allem erschafft, sind Berge von Subtext. Konflikte werden nicht ausgesprochen, Spannung entsteht vor allem durch das, was nicht gesagt wird und unter der Oberfläche schwelt. Charlotte weicht aus, gibt sachliche Antworten auf emotionale Fragen, wechselt abrupt das Thema. Dadurch wird das, was nicht gesagt wird, oft weitaus lauter als das, was gesagt wird. 
Obwohl die Dialoge so funktional und nüchtern daherkommen - eigentlich gerade deshalb - tragen sie viel zu der leisen, spannungsgeladenen Grundstimmung des Romans bei. Das Ungesagte erzeugt seinen eigenen Sog. Ein eindrückliches Beispiel für den Ausspruch, dass achtzig Prozent eines guten Dialogs unter der Oberfläche liegen.

Roman
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3498007706