Schreibtipp: Das wahre Thema Ihrer Geschichte
Das innere oder wahre Thema einer Geschichte bezieht sich auf die tieferen Lebensfragen Ihrer Figuren: Wo finden sie Geborgenheit, Glück oder Erfolg? Was ist für sie wichtig? Was wollen sie einerseits, und was brauchen sie andererseits wirklich? Was bedeuten Wahrheit, Liebe oder Hass für sie? Welche innere Entwicklung müssen sie durchlaufen? …?
Sie können über Serienkiller oder Killerkometen schreiben, am Ende geht es doch immer um die Figuren und ihre ganz persönlichen Fragen und Nöte. Und gerade weil das so ist, können Sie auch emotional wahrhaftig über Serienkiller oder Killerkometen schreiben.
Aus demselben Grund können Sie Ihre äußeren Themen ebenso gut direkt aus dem Leben schöpfen und müssen nicht erst in den Weltraum schauen. Kein Kleinstadt-Krieg und kein Kindergarten-Drama ist zu nichtig, um nicht darüber schreiben zu können. Sie können aus Zeitungsberichten, Erinnerungen und Beobachtungen, aus Anekdoten, die Ihnen jemand erzählt oder aus dem Kaffeesatz schöpfen, wenn Sie wissen, worum es dabei wirklich geht.
Emotionale Entwicklung im Zentrum
Anders als bei den vielfältigen äußeren Themen geht es bei dem einen inneren Thema, das jede Geschichte braucht, um die innere Entwicklung Ihrer Figuren.
Fragen Sie sich: Was will meine Figur erreichen oder vermeiden? Ist es das, was sie wirklich braucht, um glücklich zu werden? Oder liegt ihr wahres Bedürfnis vielleicht sogar quer zu ihren Zielen? Nicht selten erkennen Figuren im zweiten bis dritten Viertel eines Romans, dass ihr bisheriges Ziel nicht erreichbar ist oder es sie am Ende nicht glücklich machen wird. Dann erkennen sie ein tiefer liegendes Bedürfnis, das sie von nun an verfolgen.
Sie erkennen zum Beispiel ihre Sehnsucht nach Freiheit oder Liebe, ihre tiefsten Ängste, die Zerbrechlichkeit und Magie des Lebens, den Wert der Freundschaft, den Schmerz des Verrats, die Suche nach Identität, das Grauen der Isolation …
Auch Fragen können tiefere Bedürfnisse umreißen: Woher weiß ich, dass das, was ich erlebe, real ist? Wie erkennen Menschen, was moralisch richtig und was falsch ist? Wie kann Liebe gelingen? …?
Wenn Sie nicht wissen, ob Sie das innere Thema schon zu fassen gekriegt haben, fragen Sie sich: Was für ein Mensch ist meine Figur am Anfang der Geschichte und wie hat sie sich am Ende verändert? In der Veränderung der Figur lässt sich das Thema ebenfalls entdecken.
Sich eigenen Themen stellen
Das innere Thema Ihrer Figuren speist sich meist aus Ihrem eigenen Innenleben und ist eng mit Ihrer Kindheit, Ihren Erfahrungen, Ihren Wünschen, Sehnsüchten, Faszinationen und Ihren eigenen Konflikten verbunden. Manchmal lösen solche Themen sogar Schuldgefühle oder Scham aus. Wenn man darüber schreibt, entblößt man sich bis zu einem gewissen Grad und macht sich angreifbar.
Schäme dich nie deines Themas, noch deiner Leidenschaft für dieses Thema, sagt dazu die Schriftstellerin Joyce Carol Oates – und sie hat Recht, denn die Leidenschaft für unsere eigenen Themen ist letztlich der Antrieb für unser Schreiben.
Ernest Hemingways Antrieb beispielsweise war der Zorn auf seine Mutter. Eugene O´Neill schrieb aus Wut auf den Vater. Anne Sexton und Silvia Plath trieb die Todessehnsucht an. Edgar Allan Poe schrieb gegen die Angst vor dem Wahnsinn und den Zwangsgedanken, eines Tages eine unaussprechliche, nicht wieder gutzumachende Tat zu begehen, an. Die Tagebücher und Romane von Anais Nin drehen sich immer wieder um das Thema Identität. Max Frisch schrieb ebenfalls über Identität, und August Strindberg über den Konflikt zwischen Männern und Frauen.
Dabei geht es nicht darum, die eine, ewiggültige Lösung für eine der großen Fragen des Menschseins zu finden. Im Gegenteil, es geht immer um sehr spezifische, konkrete, versuchsweise Lösungen.
Jeder Nebenplot eines Romans kann dann eine Variation auf dasselbe Thema sein. Nehmen wir z.B. das Thema Suche nach Identität:
Die Hauptfigur könnte im Laufe der Geschichte zu sich selbst finden und ihren Platz im Leben einnehmen.
Eine Nebenfigur dagegen kann nicht aufhören, sich immer nur mit anderen zu identifizieren. Nachdem sie die neunte Beziehung anfängt und zum zwölften Mal den Job wechselt, wissen wir, dass sie keine innere Konsistenz finden wird.
Eine dritte Figur endet in geistiger Umnachtung und völliger Entfremdung in einer Psychiatrie und kann sich nicht mal mehr an ihren Namen erinnern.
Auf diese Weise wäre das Thema Identität dreimal anders behandelt. Es ist wie eine Versuchsanordnung mit verschiedenen möglichen Ergebnissen.