Schreibtipp 3 Wortschatz

Schreibtipp: Mehren Sie Ihren sprachlichen Reichtum

Als Autor/in brauchen Sie einen größeren als nur den Alltagswortschatz. Nicht, um zu zeigen, wie gebildet Sie sind. Wer es nötig hat, ständig mit einem mächtigen Wortschatz zu protzen, ist den meisten Leser/-innen sowieso eher unsympathisch.
Ein großer Wortschatz ist vor allem wichtig, damit Sie exakt das sagen können, was Sie sagen wollen. Er hilft dabei, dichter, packender, opulenter und farbiger zu schreiben. Er enthält überraschende und zugleich treffende Metaphern, unerhörte Verben, seltene Substantive und einen Reichtum an Aha-Momenten und emotionaler Tiefe, die man mit einem kleinen Wortschatz kaum erreicht.
Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat erkannt, dass Menschen nur denken können, wofür sie auch Worte haben. Bewusste Gedanken werden in Worten gedacht, und Gefühle werden durch Worte hervorgerufen und beeinflusst.
Fehlen die Worte, wird auch die Bandbreite der inneren Erfahrungen enger und im Extremfall auf schwarzweiß reduziert. Dann ist alles entweder ‚toll‘ oder ‚schrecklich‘, ohne Zwischentöne. Eine Verflachung der Gefühlstiefe und mangelnde Fähigkeit zum Mitgefühl lassen sich entsprechend auch dort beobachten, wo Kinder durch Vernachlässigung nur rudimentäre Sprachkenntnisse erwerben.
Schauen wir uns also an, wie Sie Ihren Wortschatz erweitern und so einsetzen können, dass Ihre Texte reicher und tiefer werden.

Die deutsche Sprache bietet die Möglichkeit, Adjektive und Substantive zu neuen Wörtern zusammenzusetzen und auch Verben fast nach Belieben neu zu bilden. Solche Wörter entfalten ihre Bedeutung oft erst im Kontext und machen Sprache auf diese Weise überraschend, reich und schillernd.
Beispielsweise werden Sie das Wort Schnupfwurm nicht im Duden finden, wenn Sie jedoch den Roman Tassilo, der Mumienabrichter von Simon Weinert lesen, werden Sie aus dem Kontext und ohne weitere Erklärung sofort verstehen, was damit gemeint ist:
Ein Page eilte sofort herbei und reichte ihm ein besticktes Taschentuch. Es färbte sich rot, als Sunifred sich schnäuzte. Er hatte wohl schon zu viele Schnupfwürmchen intus. 

Man bekommt allein aus diesen beiden Sätzen eine Ahnung von barocker Dekadenz, ohne dass man wissen muss, was für ein Roman das ist, der ein so seltsames Wort wie Mumienabrichter (das man auch nicht im Duden findet) bereits im Titel führt. Sie haben also prinzipiell sehr, sehr viele Worte zur Verfügung, wenn Sie möchten.

Allerdings nutzen die meisten von uns eher ihre sprachlichen ‚Standard‘ - Formulierungen, die wir immer wieder verwenden, ohne je zu fragen, ob man das präziser, lebendiger oder überzeugender sagen könnte.

Welche Wörter bringen Reichtum?
Man kann grundsätzlich mit allen Arten von Wörtern spielen. Im Mumienabrichter finden wir zum Beispiel …
Substantive: Springhase, Stocherkahn, Greifkatze, Heulkrampf, Henkersbühne, ...
Adjektive/Adverbien: ausnehmend, hasenschartig, gefältelt, verfurzt, unschicklich, ...
Verben: fehlgehen, aushungern, ausfransen, versiegen, plagen, …
Viele dieser Wörter erzeugen schon ganz für sich allein lebendige, klare Vorstellungsbilder.

Es besteht dabei allerdings immer auch ein bisschen die Gefahr, den Text um des Sprachspiels wegen zu überfrachten. Das Ergebnis ist dann im schlimmsten Fall ein laut mit Worten klingelnder, aber letztlich hohler Text.

Vorsicht mit Adjektiven und Adverbien
Vor allem Adjektive und Adverbien werden oft in dieser Weise missbraucht. Man könnte meinen, dass sie einen Text reicher machen. Man kann einen Text mit zu vielen Adjektiven jedoch geradezu ersticken. Sie verstellen dann den Blick auf das Wesentliche, weil man damit beschäftigt ist, sich z.B. Theos nagelneue, grasgrüne Hose mit der silbernen Knopfleiste, in der knapp unter dem rechten Knie ein klaffendes, schmutziges, ausgefranstes Loch war, genau nach Leseanleitung vorzustellen.
Dabei verpasst man leicht, was eigentlich vorgeht - dass Theos Knie blutet und er vermutlich heult und zu Hause Ärger bekommen wird.
Wenn man jetzt ins Gegenteil ausschlägt und alle Adjektive weglässt, kann das Ergebnis zu sachlich und nackt wirken: In Theos Hose war ein Loch, sein Knie blutete und er hatte Angst, weil er Ärger bekommen würde.

Reiche Verben und Substantive einsetzen
Wie bringt man also Reichtum in den Text, ohne ihn mit Adjektiven zu erschlagen?
Dafür ist es immer gut, dynamische Verben parat zu haben. ‚Sein‘ und ‚haben‘ sind zum Beispiel lasche Verben, die man häufig durch etwas Stärkeres ersetzen kann:
In Theos Hose war ein Loch → In Theos Hose klaffte ein Loch.
Man könnte Theos Angst greifbar machen, indem man in seine Gedanken eintaucht: Oma würde ihm mächtig eine scheuern.
Oder man könnte visuell schreiben: Das war gar nicht gut, wie das Rot aus dem Knie ins Grün der Hose sickerte.

Reicher wird die Sprache auch dann, wenn man Substantive, die ganze Gruppen von Dingen beschreiben, z.B. ‚Baum‘, durch ein spezifisches Substantiv ersetzt.
Er war mutig auf den hohen Baum geklettert. → Er war mutig auf die Monstertanne geklettert.

Wenn Sie ein schwaches, unkonkretes Substantiv („Baum“) durch ein ebenfalls schwaches Adjektiv („hoch“) aufzubessern versuchen, wird es insgesamt nicht besser. Reichtum kommt dann ins Spiel, wenn man ein starkes Substantiv, das gar kein Adjektiv zur Unterstützung braucht, findet.
Er setzte den runden Hut auf die gekämmten Haare. → Er setzte die Melone akkurat auf die Haarpomade.

Im zweiten Satz haben wir jetzt ein Adverb (akkurat). Es beschreibt, wie die Melone aufgesetzt wird. So wird der Vorgang betont, und nicht die Gegenstände.

Das Wichtigste im Satz hervorheben
Wenn man Adjektive benutzt, dann sollten sie keine Nebensächlichkeiten näher beschreiben, sondern das Wichtigste im Satz, also meistens das, was geschieht. Man kann Adjektive entsprechend nicht den Gegenständen, sondern den Verben zuzuordnen und sie damit zu Adverbien machen:
Er war auf den hohen Baum geklettert. → Er war mutig auf den Baum geklettert. Es lohnt sich jedoch nicht, ein farbloses Verb mit einem ebenso farblosen Adverb aufzubessern. Suchen Sie lieber nach einem präzisen, lebendigen Verb, das ohne Adverb auskommt. Das ist meistens dichter und damit auch reicher.
Er redete leise → Er raunte.
Sie hielt ihn sehr fest → Sie klammerte sich an ihn.

Suchen Sie nach Präzision
Allerweltsadjektive wie langsam, hässlich, groß, klein, … können Sie auch eher vergessen. Suchen Sie lieber nach etwas Präziserem, wie zum Beispiel:
hässlich → fratzenhaft
klein → winzig
schnell → flink
langsam → gemächlich
dick → feist
dünn → knochig

MERKE

Benutzen Sie keine schwachen Standardformulierungen, nur weil Sie Ihnen als erstes einfallen. Machen Sie sich die Mühe, nach präzisen und variantenreichen Formulierungen zu suchen. Bringen Sie mit Verben Bewegung in den Text und sagen Sie exakt das, was auf die Figuren in der jeweiligen Situation zutrifft. Spielen Sie mit Worten und probieren Sie Varianten aus. Achten Sie dabei darauf, dass Sie das Wesentliche hervorheben wollen. Adjektivschlachten und leeres Wortgeklingel um seiner selbst willen machen auf Dauer einfach keinen Spaß.