Schreibtipp: Die Welt mit Worten malen
Manchmal hat man beim Lesen das Gefühl, eine Figur oder eine Landschaft nicht nur vor sich zu sehen, sondern sie beinahe zu spüren. Man erfasst eine Stimmungslage und es stellt sich ein Gefühl von Vollständigkeit ein. Es ist fast, als sei diese Welt zwischen den Buchdeckeln real, und man hat den Eindruck, die Figuren schon immer zu kennen. Wenn das geschieht, dann ist gelungen, eine Beziehung zwischen Leser/-in und der Welt der Geschichte herzustellen. Diese Beziehung entsteht zu einem nicht geringen Teil durch Beschreibungen.
In Genres, die uns in nicht-alltägliche Welten entführen – Historischer Roman, Fantasy oder Science Fiction zum Beispiel – wird die Wichtigkeit von Beschreibungen besonders deutlich. Wir brauchen sie, um die neue Welt kennenzulernen und uns in ihr zurechtzufinden. Sollten Sie sich darum am Anfang eines Fantasy-Romans erst einmal die Kamera schnappen und Lesende ein paar Seiten lang Ihre Welt in möglichst vielen Details vor Augen führen?
Eher nicht. Natürlich beschreibt man manchmal einfach nur eine halbe Seite lang zum Beispiel eine verwitterte Burg in einer Bergflanke bei Regen und Sturm. Aber wenn in diesem Bild nichts geschieht und keine Figuren beteiligt sind, die sich etwa auf einem Bergpfad zu der Burg hinaufkämpfen, dann wird es schnell langweilig.
Beschreibungen sollten daher im Rahmen von Vorgängen in die Geschichte einfließen und nicht ausufernd über lange Strecken für sich allein dastehen.
Durch die Augen der Figuren
Bei dem obigen Beispiel mit den Figuren, die sich durch Regen und Sturm eine Bergflanke hinaufkämpfen, haben wir von außen auf das Bild geschaut.
Die Frage ist: durch wessen Augen haben wir es gesehen? Wer steht im Tal und schaut zu der Burg und den Wanderern hinauf?
Es bietet einen großen Vorteil, Beschreibungen nicht einfach wie mit der Kamera zu schreiben, sondern durch die Wahrnehmung einer konkreten Figur, die ihre eigenen Gefühle, Gedanken, Wünsche und Ängste in das, was sie sieht, mit hineinlegt.
Anders gesagt: Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sind.
Dieser Spruch wird unterschiedlichen Urhebern zugesprochen und bringt auf den Punkt, worum es beim Beschreiben durch die Wahrnehmung einer Figur geht: Das Bild, das wir sehen, bekommt eine persönliche Bedeutung und wir lernen auf einen Schlag nicht nur ein Stück der Welt sondern auch die Figur besser kennen.
Es ist zum Beispiel ein Unterschied, ob jemand im Frankfurter Bahnhofsviertel aufgewachsen ist oder im Villenviertel von Funchal auf Madeira; ob er als Gerichtsvollzieher oder als Performance-Künstler arbeitet. Jeder sieht die Welt durch eigene Augen. Durch Beschreibungen kann man daher gut die innere Verfassung einer Figur ausdrücken, wie im folgenden Beispiel:
Pola stand ein wenig abseits der drei Mädchen, die in ihrer fremden Sprache plapperten und wie sie auf den silbernen 19er-Bus Richtung Stadt warteten. Sie hielt den Blick gesenkt, zog sich das Kopftuch noch ein wenig tiefer in die Stirn. Ein leichter Schweißgeruch und der Rauch der Zigaretten, der über den frischen Dauerwellen der Mädchen emporstieg, lagen in der Luft.
Der Bus kam, die Türen klappten auf, die Mädchen traten mit ihren flachen Segeltuchschuhen die Zigaretten aus und stiegen ein.
Als der Bus abgefahren war, ließ Pola den Blick über die erst halb fertigen Siedlungshäuschen auf der anderen Straßenseite gleiten. Die Vorgärten waren schlammige Kraterlandschaften, die Fassaden grau, die Gardinen zugezogen. Der nächste Bus kam in einer Stunde.
Hier werden einige sinnliche Details beschrieben, aber deren Auswahl ist nicht beliebig. Die Passage zeigt nicht den Straßenbelag, die Ampeln oder den Grünstreifen in der Mitte der Straße. Es werden nur Details ins Blickfeld gerückt, die für die Perspektivfigur von Bedeutung sind: Pola fühlt sich fremd und einsam, also nimmt sie vor allem die Unterschiede zu den andern Mädchen an der Bushaltestelle wahr. Die Häuschen auf der andern Straßenseite sind abweisend. Vermutlich steigt Pola nicht mit den andern Mädchen in den Bus, weil sie, das Aussiedlermädchen, noch nicht bereit ist, in das deutsche Wirtschaftswunderleben mit seinen Silberbussen, Dauerwellen und Segeltuchschuhen aufzubrechen. Wir haben also zugleich etwas über die Umgebung als auch über die Figur erfahren.
Welche Details sollte man beschreiben?
Beschreibungen sollen den Eindruck vermitteln, dass man es mit einer kompletten, beinahe realen Welt zu tun hat. Sie können aber nicht eine ganze Welt in allen Details beschreiben, auch nicht auf 1000 Seiten. Auch J.R.R. Tolkien, der wahrscheinlich eine der vollständigsten Welten der Literaturgeschichte erschaffen hat, erreicht dies nicht durch minutiöse Beschreibungen aller Details, die es im Auenland, in Mordor oder in Bruchtal zu sehen gäbe. Der Trick besteht darin, genau die Details auszuwählen, die eine breite Palette von weiteren Vorstellungen nach sich ziehen und so das Gefühl von Vollständigkeit erzeugen. Michael Ende, der mit seinem prinzipiell unendlichen Land ‚Fantasien‘ ebenfalls eine sehr umfassende literarische Welt erschaffen hat, nennt diesen Trick pars pro toto – ein Teil steht fürs Ganze. Was er über die Charakterisierung von Figuren sagt, gilt so auch für jegliche Beschreibungen:
Charakterisieren [= Beschreiben, d.R.] ist die Kunst des pars pro toto, das heißt die Kunst, durch einen kleinen Teil das Ganze zu zeigen. Wenn die Arbeit eines Archäologen darin besteht, aus dem Ornament auf einer Tonscherbe eine ganze Kulturepoche zu rekonstruieren, so besteht die Arbeit des Schriftstellers gleichsam in der Umkehrung dieses Vorgangs: Er erfindet sozusagen das kleine Ornament, in welchem das Ganze sich ausdrückt. Eine kleine Geste, eine Redensart, eine Reaktion können mehr über einen Menschen mitteilen (vorausgesetzt, dass sie das Wesentliche treffen) als seitenlange, haargenaue Beschreibungen und Erklärungen bedeutungsloser Einzelheiten.
Fremdheit und Vertrautheit
Für Ihre Beschreibungen macht es zudem einen Unterschied, ob Sie eine Figur in eine ihr fremde oder eine ihr vertraute Welt setzen.
Pola im obigen Beispiel ist neu in einer für sie fremden Welt. Beim Lesen wird man diese Welt zusammen mit ihr nach und nach erschließen. Dabei kann man besonders gut Stimmungen wie Fremdheit, Einsamkeit oder Angst herstellen. Aber auch Abenteuerlust, Staunen und Begeisterung lassen sich so sehr gut erzeugen. Man geht mit den Figuren auf Entdeckungsreise.
Sie können es auch andersherum machen: Wenn eine Welt der Figur vertraut, dem Leser aber noch fremd ist, erzeugen Sie ein Gefühl von Vollständigkeit, indem Sie nichts erklären, sondern alles so behandeln, als ob es vollkommen selbstverständlich sei. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Welt ganz einfach da ist und man sie nur noch betreten müsste.