Schreibtipp 5 Dialog

Schreibtipp: So schreiben Sie lebendige Dialoge

Dialoge als Medium des Erzählens stammen ursprünglich aus der Welt des Theaters. Erst nach und nach hielten sie Einzug in die Literatur und sind dort inzwischen unentbehrlich geworden. Formal unterscheiden sie sich dabei ziemlich stark von rein erzählenden Passagen, denn sie erzählen eben nicht, was Figuren sagen. Dialoge sind unmittelbare Lebensäußerungen Ihrer Figuren.
Während im Theater Schauspieler/-innen den Dialog mit Mimik, Gestik, Stimme und Handlungen gestalten, muss ein Prosa-Dialog die gesamte Situation allein mit Worten erschaffen. Ein Prosadialog besteht daher aus mehr als nur der wörtlichen Rede. Der Unterschied wird deutlich, wenn wir Theater- und Prosadialog gegenüberstellen:

Theater:
Vater: Hat sie nun?
Mutter: Wo ist denn schon wieder der Salzstreuer? Ach so, danke.
Vater: Und?
Mutter: Na ja, ich glaub` schon.
Vater: Was heißt, du glaubst? Hat sie dir es gesagt oder nicht?
Mutter: Nicht so direkt. Wir haben uns unterhalten. Von Mutter zu Tochter und umgekehrt. Und da hat sie mir so allerhand erzählt…
(aus September Song von Klaus Modick)

Prosa:
„Hat sie nun? Oder hat sie nicht?“ Ulrich schnitt sein Mohnbrötchen auf und bestrich es mit Honig. Keine Butter heute.
Gitta köpfte schwungvoll ihr Frühstücksei. „Wo ist denn schon wieder der Salzstreuer?“
Ulrich reichte ihn ihr.
„Ach so, danke.“
Bei Gewichtsklasse 4 hatte das Ei laut der an der Kühlschranktür klebenden Tabelle 314 Milligramm Cholesterin.
Gitta salzte kräftig.
Ulrich zog die Brauen hoch und seufzte. „Und?“, fragte er.
Sie zuckte die Schultern. „Na, ich glaub` schon.“ …

Im Theaterdialog erfahren wir erst einmal noch nicht viel über die Figuren - wie etwa ihr Alter oder ihre Gewohnheiten und Eigenarten. Das alles muss von Regie und Schauspiel erst noch gefüllt werden.
Der Prosa-Dialog hingegen ist Schauspieler, Regie und Bühne in einem. Wir erleben ein Pärchen mittleren Alters beim Frühstück. Ulrich achtet auf Cholesterin und ist neidisch auf Gittas Frühstücksei. Handlung, Beschreibungen und wörtliche Rede werden nahtlos miteinander verschränkt, dadurch wirkt die Situation natürlich und lebensnah.
Wenn wir hingegen zuerst nur Bühne und Handlung beschreiben und dann den Dialog anfügen, wird es gleich etwas steifer und weniger lebensnah:

Ulrich und Gitta saßen am Frühstückstisch. Er aß sein Mohnbrötchen heute nur mit Honig, keine Butter, und warf dabei immer wieder neidische Seitenblicke auf Gittas Frühstücksei. Laut der an der Kühlschranktür klebenden Tabelle hatte es 314 Milligramm Cholesterin.
„Hat sie nun?“, fragte er. „Oder hat sie nicht?“
„Wo ist denn schon wieder der Salzstreuer? Ach so, danke.“
„Und?“
„Na ja, ich glaub` schon.“ …

Regeln der Dialogsprache
Dialoge haben ihre eigenen Regeln, die sich von denen für erzählende Passagen etwas unterscheiden. Wir haben hier nicht genug Platz, alle Regeln zu erörtern, wollen Sie aber auf ein paar wichtige Eckpunkte aufmerksam machen.

Erstens: Was am obigen Dialog in jeder der drei Varianten auffällt, ist die verknappte Sprache. Sie trägt sehr dazu bei, dass man das Gefühl hat, einer realen Situation beizuwohnen. Niemand spricht bei einer einfachen Frühstücksunterhaltung in langen, ausgefeilten Sätzen. Schriftsprache und Alltagssprache sind ziemlich verschieden.

Zweitens: Zeitformen werden im Dialog meist anders gebraucht. So würde man in einer erzählenden Passage vielleicht schreiben: Ulrich und Gitta gingen ins Kino. Das Präteritum ist die typische, meist gebrauchte Zeitform des Erzählens.
Ulrich würde aber nicht sagen: „Ich ging ich mit Gitta ins Kino.“ Das klingt seltsam steif und gestelzt. Wahrscheinlicher ist, dass er es ein Hilfsverb benutzt: „Ich war mit Gitta im Kino.“ Oder statt des Präteritums das Perfekt benutzt: „Gitta und ich sind im Kino gewesen.“

Drittens: Auch ein korrekter Konjunktiv kann sehr gewählt klingen – jedoch nicht im Dialog. Dort wirkt er gekünstelt: „Meine Schwester sagte, sie sei gestern ihrem Ex begegnet und habe ihn am liebsten zum Mond schießen wollen. Wenn er ihr nicht so leidgetan hätte.“ 

Viertens: Ebenso wenig eignet sich der Infinitiv (Grundform des Verbs), weil auch er ‚Spreche‘ zu ‚Schreibe‘ macht: „Ich gehe jetzt“ klingt gesprochener als „Ich beabsichtige zu gehen“.

Nur, wenn man eine Figur tatsächlich als affektiert und umständlich charakterisieren möchte, eigenen sich Konjunktiv und Infinitiv im Dialog sehr gut: „Wenn du nur wolltest, ich wäre da dich zu schützen, auf Händen zu tragen, zu lieben!“

Natürlich wirkende Dialoge nutzen also keine korrekte Erzählsprache, sondern nähern sich der Alltagssprache von echten Menschen an.

Einen Mittelweg finden und den Faden nicht verlieren
Wäre es dann also nicht am besten, Dialoge genau so zu schreiben, wie Menschen wirklich sprechen?
Wenn Sie sich reale Gespräche einmal genauer anhören, werden Sie feststellen, dass reale Menschen einander ständig ins Wort fallen. Sie reden in halben Sätzen und sie sprechen meist auch grammatisch nicht korrekt. Die Formulierungen sind voller Füllworte, Wiederholungen, Ähhs und Ähms und dabei oft so weitschweifig, dass man den Faden, der durchs Gespräch führt, immer wieder suchen muss.

Den Faden erkennen Sie, wenn Sie sich fragen, was sich zwischen Anfang und Ende eines Gesprächs verändert hat. Worum geht es? Was wollen die Beteiligten erreichen oder vermeiden? Was verbergen sie vielleicht? Wie hat sich ihre Situation oder ihre Beziehung am Ende des Gesprächs geändert? Haben Informationen den Besitzer gewechselt? Wurden Fragen aufgeworfen? Wie fühlen sie sich vorher, wie danach?
Mit solchen Fragen behalten Sie das Wesentliche um Auge. Anders als bei Gesprächen im realen Leben brauchen Sie im Prosadialog nämlich kein bloßes Geschwätz drum herum. Es lenkt nur ab, verschleiert das Wesentliche und macht den Text langsam und behäbig.

MERKE

Dialog ist ein Mittelding aus verdichteter Schriftsprache und realistischer Alltagssprache. Es geht bei guten, authentisch klingenden Dialogen darum, den Mittelweg zwischen beidem zu finden: einerseits grammatisch nicht allzu korrekt, andererseits auch nicht zu realistisch. Einerseits ausführlich genug, um ein Gefühl für die Figuren zu bekommen, andererseits aufs Wesentliche reduziert, um den Faden nicht zu verlieren.
Haken Sie Beschreibungen, Handlungen und wörtliche Rede nicht ordentlich nacheinander ab, sondern verschränken Sie alles miteinander, sodass man die Situation als Ganzes erfassen und sie miterleben kann.