Schreibtipp 6 Roman

Schreibtipp: Warum wir uns auf Romane einlassen

All den unterschiedlichen Gestalten von Geschichten – als mündliche Erzählung, als Vers-Epos, Ballade, Drama, Film oder Roman – ist eines gemeinsam: Sie erzählen von Menschen, die ein Problem zu lösen haben und daran entweder wachsen oder zugrunde gehen. In diesem Sinne sind Geschichten Konfliktlösungs- oder Entwicklungsmodelle. Romane unterscheiden sich von anderen Erzählformen jedoch unter anderem darin, dass sie von uns verlangen, uns über einen längeren Zeitraum intensiv auf sie einzulassen. Es geht hier nicht darum, zwei Stunden im Theater zu sitzen oder zu Hause einen Film zu schauen. Wir sind mitunter Tage, vielleicht Wochen mit einem einzigen Roman beschäftigt. In dieser Hinsicht ähneln Romane eher einer Netflix-Serie als einem Drama. Der Prozess des Lesens ist jedoch anstrengender, als sich vom Bildschirm berieseln zu lassen. Und damit Leser/-innen bereit sind, sich darauf einzulassen, braucht ein Roman etwas, das ihn unwiderstehlich macht.

Mit den Figuren verschmelzen
Wenn wir eine Geschichte auf dem Bildschirm anschauen, gehen wir auch aufgrund der starken Bilder und der Musik innerlich mit. Sie können das ausprobieren, indem Sie eine Filmszene stumm ablaufen lassen und eine andere Musik dazu abspielen. Aus einem Boxkampf zum Beispiel können Sie allein durch die Musikauswahl ein Heldenepos oder eine Slapstick-Nummer machen. Bei einem Film bleiben wir dabei jedoch lediglich Zeug/-innen, die gewissermaßen durchs Schlüsselloch auf das Leben der Figuren schauen. Im Roman können wir keinen Soundtrack oder überwältigende Bilder benutzen. Dafür können wir jedoch direkt in die Köpfe und Herzen unserer Figuren schauen. Beim Lesen teilen wir über 200, 500 oder noch mehr Seiten die mitunter komplexen, widersprüchlichen und anspruchsvollen Gedanken und Gefühle der Figuren und kommen ihnen so nahe wie in keiner anderen Erzählform. Die große Verlockung des Romans ist, dass wir mit den Figuren verschmelzen dürfen.

Die Innenseite der Geschichte
Eine Geschichte hat eine Außenseite – die Handlung mit all ihren Herausforderungen und Wendepunkten. Und sie hat eine Innenseite – die innere Entwicklung der Hauptfiguren. Es ist das emotionale auf und ab auf der Innenseite der Geschichte, an das Leser/-innen ihr Herz binden. Hier findet der magische Prozess statt, der dafür sorgt, dass man in einen Roman so tief eintauchen kann. Wie macht man es also, dass Leser/-innen den Figuren für die Dauer eines ganzen Romans überall hin folgen wollen?

Emotionale Achterbahn
Die Handlung eines Romans wird oft mit Hilfe einer sogenannten Spannungskurve abgebildet: Die Kurve steigt erst langsam, dann immer schneller an und fällt nach dem Höhepunkt gegen Ende der Geschichte steil wieder ab. Diese Kurve zeigt, was Leser/-innen erleben, wenn sie einen Roman lesen. Sie sind zunehmend gespannt und werden am Ende dann von dieser Spannung erlöst.
Wenn wir eine Kurve zeichnen würden, die zeigt, was die Hauptfiguren erleben, dann würde sie eher wie eine Achterbahn aussehen: immerzu auf und ab und stets in Bewegung. So etwas wie fünf Kilometer geradeaus ohne emotionale Schlaglöcher oder Höhenflüge gibt es hier nicht.

Umschlagpunkte
Annähernd jede Szene eines Romans besitzt einen sogenannten emotionalen Umschlagpunkt, an dem eine für die Hauptfigur hoffnungsvolle oder glückliche Situation ins Negative umschlägt – oder genau anders herum: eine emotional schwierige Situation schlägt ins Positive um, es gibt wieder Lösungen und neue Hoffnung.
Solche Umschlagpunkte sind manchmal nur klein, aber wie spüren die innere Bewegung beim Lesen dennoch deutlich. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, die Heldin eines Romans flieht aus der Stadt in ein Hotel in den Bergen, um nach der Scheidung Abstand zwischen sich und ihren Exmann zu bringen.
Dort liegt ein Bergsee glatt wie ein Spiegel zwischen schneebedeckten Gipfeln, die Luft ist klar und kalt und die Heldin verspürt zum ersten Mal seit langem einen Hauch von Glück und Freiheit. Es geht emotional aufwärts.
Dann betritt sie die etwas düstere, muffige Hotellobby und wird bei der Anmeldung gleich vom Hotelmanager für den Abend auf ein Glas Wein eingeladen. Sie bringt es nicht über sich abzulehnen, sie will nicht unhöflich sein. Aber innerlich verspürt sie Beklemmung. Am liebsten würde sie sofort wieder abreisen. Es geht abwärts.

Abgesehen von vielen kleinen Umschlagpunkten dieser Art haben die meisten Romane fünf bis sieben dramatische Stellen, an denen ganze emotionale Lawinen zu Tal gehen.
Stellen Sie sich zum Beispiel einen Mann vor, der unter großen Mühen endlich die Erlaubnis erwirkt hat, seinen Vater im Gefängnis besuchen zu dürfen (aufwärts).
Als er dort ankommt, erfährt er: der Vater wurde gestern hingerichtet (tief hinab!).
Oder in die andere Richtung: Es heißt, der Vater sei hingerichtet worden (abwärts).
Doch dann erfährt der Sohn, dass jemand ihn gesehen hat, weit weg in den Bergen (aufwärts).
Auf diese Weise können Sie Leser/-innen durch den ganzen Roman mitnehmen, ohne dass sie unterwegs aussteigen wollen.

MERKE

Leser/innen lassen sich vor allem dann auf Romane ein, wenn sie sich mit den Hauptfiguren emotional verbinden können. Sie wollen ihnen nahe sein und innerlich erleben, was sie erleben. Wenn Sie Leser/-innen mit vielen kleinen, ein paar größeren und einigen heftigen emotionalen Umschlagpunkten versorgen, werden sie von Anfang bis Ende dranbleiben.