Schreibtipp: Kurzgeschichten mit Aha-Momenten
Kurzgeschichten und amerikanische Frisiersalons gehören historisch eng zusammen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sollten short stories nur einen Haarschnitt lang sein und Leser/-innen auf dem Frisierstuhl gut unterhalten. Da jede/r mal zum Friseur muss, richteten die Geschichten sich an ein breites Publikum. Entsprechend sollten sie allgemein verständlich und unterhaltsam sein und nicht unbedingt spezielle Lesevorlieben in Form von Genres bedienen. Am erfolgreichsten waren Autor/-innen, denen es gelang, eine Momentaufnahme des Lebens mit einem kleinen Clou oder einem Aha-Erlebnis am Ende zu erschaffen.
In Deutschland fassten Kurzgeschichten erst nach dem zweiten Weltkrieg Fuß. In einem lakonischen, knappen Stil, der für Kurzgeschichten noch immer typisch ist, konnten viele Autor/-innen ihre Kriegserlebnisse verarbeiten.
Heute gibt es Kurzgeschichten in allen möglichen Genres, mit knappem oder üppigem Stil, von literarisch anspruchsvoll bis trivial, mal rasant, mal gemächlich erzählt. Das bleibt alles Ihnen überlassen. Allen Kurzgeschichten bleibt jedoch gemeinsam, dass es sich um Momentaufnahmen handelt.
Momentaufnahmen gestalten
Eine Kurzgeschichte kann zwei Seiten lang sein – oder zwanzig. Das ist in etwa die übliche Bandbreite. Wichtiger als die tatsächliche Länge ist aber das, was in einer Kurzgeschichte verhandelt wird: Sie konzentriert sich auf nur einen entscheidenden Moment, der für die Hauptfigur eine Erkenntnis oder eine Veränderung bedeutet. Im Grunde beschreibt eine Kurzgeschichte also das, was in einem Roman einer von mehreren größeren Wendepunkten wäre.
Da Sie nicht viel Platz zur Verfügung haben, ist die Zahl der Figuren übersichtlich, und meist gibt es nur einen chronologisch geradeaus erzählten Handlungsstrang ohne Rückblenden und andere zeitliche Verwerfungen. Meist haben wir auch nur eine Erzählperspektive, das heißt, es wird nicht zwischen mehreren Figuren gesprungen, sondern wir bleiben von Anfang bis Ende bei der Hauptfigur.
Ein verknappter Anfang
Im Roman haben Sie für den Anfang locker dreißig oder mehr Seiten Platz. Eine Kurzgeschichte beginnt gedrängt, der Anfang springt mitten ins Geschehen. In wenigen Sätzen wird klar, worum es geht.
Am besten kommen Sie in eine Kurzgeschichte rein, wenn Sie sich klar machen: Was ist das auslösende Moment, welches Problem bringt die Geschichte ins Rollen? Das könnte zum Beispiel so aussehen:
Eine Wissenschaftsjournalistin fährt mit einer Gruppe von Forscher/-innen 12 Stockwerke tief unter die Erde in eine Einrichtung zur Erforschung von Dunkler Materie. Der Fahrstuhl bleibt stecken.
Oder so: Ein Film-Student steigt in eine verlassene Lungenheilanstalt ein. Er will als Semesterarbeit einen Dokumentarfilm darüber drehen. Er stellt fest, er ist nicht allein in dem alten Gebäude.
Oder so: Ein Krankenpfleger auf einer Kinderkrankenstation, Nachtschicht. Ein Kind wandert durch die Gänge. Es ist nicht ansprechbar.
Jetzt muss die Hauptfigur sofort ins Handeln kommen, um größere Probleme abzuwenden.
Mittelteil und Ende
Die Hauptfigur wird einen ersten Versuch unternehmen, das Problem zu lösen. Dabei erkennt sie das Problem vielleicht noch nicht in seinem ganzen Ausmaß, unterschätzt die Situation oder will sich nicht aus ihrer Bequemlichkeit in Bewegung setzen. Sie überlässt die Problemlösung vielleicht auch erstmal lieber anderen.
All das funktioniert jedoch nicht. Der erste Problemlösungsversuch scheitert und das Problem spitzt sich zu.
Als nächstes kommt etwas Neues hinzu – eine neue Information, eine neue Figur, oder die Umstände verändern sich. Anders gesagt, es gibt einen Wendepunkt, an dem etwas Überraschendes passiert und die Handlung in eine neue Richtung bringt. Jetzt unternimmt die Hauptfigur unter den neuen Bedingungen einen neuen Lösungsversuch. Auf dem Höhepunkt entscheidet sich, ob die Lösung des Problems gelingt oder nicht.
Das Ende besteht dann oft nur noch aus wenigen Sätzen. Die Hauptfrage (ist das Problem gelöst oder nicht?) ist beantwortet. Oft bleibt es halboffen. Wir erfahren nicht mehr, was die Hauptfigur für Konsequenzen aus ihrem Erlebnis zieht, wie sich ihr Leben dadurch verändert. Das Fazit bleibt der Fantasie überlassen und sorgt dafür, dass man noch eine Weile über einen Text nachdenken kann.
Auf das Ende hin schreiben
Doch wie bekommen Sie bei dieser Struktur ein Aha-Erlebnis oder einen Clou in den Text? Erfahrungsgemäß klappt das am besten, wenn Sie die Geschichte von der ersten Zeile an auf den Schluss hin schreiben. Sie sollten also wissen, wie die Geschichte ausgehen soll, damit Sie es von Anfang an vorbereiten können.
Wenn Sie zu den Drauflosschreiber/-innen gehören und am Anfang noch nicht wissen, worauf die Sache hinausläuft, ist das jedoch auch kein Problem. Schreiben Sie erstmal, und dann sorgen Sie bei der Überarbeitung dafür, dass der Schluss von Anfang an vorbereitet wird.
Konkret bedeutet das, Sie streuen von Anfang an Hinweise auf die Erkenntnis, die am Ende steht – jedoch so, dass man die Zusammenhänge wirklich erst am Ende begreift, wenn alle Mosaiksteinchen beisammen sind.
Nehmen wir zum Beispiel den Studenten, der in der Lungenheilanstalt einen Film drehen will. Als er bemerkt, dass er nicht allein ist, will er sich leise wieder davonstehlen, gerät dabei aber in dem halb verfallenen Gebäude in eine gefährliche Lage. Und etwas bewegt sich auf ihn zu … Dieses ‚etwas‘ stellt sich als harmlose junge Frau heraus, die ihm lediglich helfen will.
Erst ganz am Ende soll man begreifen, dass seine Retterin schon lange tot ist. Vielleicht ist es sogar so, dass sie ihn erst in seine bedrohliche Lage gebracht hat, um ihn ‚retten‘ zu können, damit er bei ihr bleibt?
Nun können Sie von Anfang an Hinweise streuen, die zuletzt ein vollständiges Bild erzeugen: alte Patientenakten oder Fotos, ein Tagebuch, Schrift an den Wänden, ein Medaillon um den Hals der Frau, ihre seltsam altmodische Sprechweise, ihre Bedürftigkeit nach menschlicher Nähe, ihr rätselhaftes Auftauchen und Verschwinden, … all solche Dinge können sich am Ende zu der Erkenntnis fügen, dass der Student von einer sehr einsamen Toten gerettet wurde. Oder vielleicht für immer gefangen gehalten wird? Diese letzte Frage könnte durchaus offen bleiben.
Informationen verschleiern
Aufmerksame Leser/-innen können sich das Ende oft schon vorher aus Hinweisen zusammenreimen, und dann gibt es am Ende kein Aha-Erlebnis. Daher ist es wichtig, dass Sie Ihre Hinweise zwar streuen, zugleich aber ihre Wichtigkeit verschleiern. Erwähnen Sie Hinweise also möglichst beiläufig und richten Sie die Aufmerksamkeit dabei auf etwas anderes – nämlich auf die Hauptfrage der Geschichte.
Bei unserem Beispiel könnte diese Hauptfrage sein: Kommt der Student heil wieder aus der Anstalt heraus? Wenn die Tote ihn zum Beispiel aus seiner misslichen Lage befreit, könnte er ein Medaillon um ihren Hals bemerken. Es ist wichtig für die Erkenntnis am Schluss, aber an dieser Stelle geht es erstmal ums Überleben, es erscheint also zweitrangig.
Man könnte auch sagen: Drängende Fragen haben Vorrang. Hier wird die meiste Aufmerksamkeit gebunden. Hinter drängenden Fragen kann man Hinweise auf den Schluss gut verstecken.
Wenn es Ihnen gelingt, Leser/-innen am Schluss zu überraschen und ihnen dabei das Gefühl zu geben, dass sie darauf ja auch selbst hätten kommen können, ist der Clou perfekt.