Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

1. Platz:

Barbara Preg

-

Die Blaumeise

Genre-Wettbewerb 2015 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Diese Geschichte hat literarische Qualität: Dem Charakter der Figur entsprechend hat sich die Erzählerin für eine kühle, langsame und überaus ruhige Wiedergabe entschieden. Das lässt Raum für genaues Hinschauen, viele kleine Details, die alle Bedeutung haben. Nichts ist überflüssig. Barbara Preg deutet die wenigen Handlungen nur an, lässt aber ein gutes Stück Leben, eine Entwicklung erkennen, die bis zu diesem Punkt geführt hat: Eine schmerzliche Wiederbegegnung, aufflackernde Hoffnung, dann Verzicht. Der Schluss ist wohl zu ahnen, dennoch bleibt es spannend. Tempowechsel, Frage, Konflikt ... Der Autorin gelingt eine melancholische und wunderschöne Geschichte!


Die Blaumeise

Er war bereits auf dem Heimweg, lief durch die mit Lichterketten geschmückte Innenstadt, als er ihre Stimme hörte. Luise stand unter einer Straßenlaterne und zu ihren Füßen lag ein Kissen mit Plastikrosen. Langsam ging er weiter über das Kopfsteinpflaster. Ausgerechnet jetzt war sie zurück. Jetzt, wo er beschlossen hatte, sie nicht mehr zu lieben. Hannes schüttelte den Kopf. Als ob es so einfach wäre. Er schauerte. Mit einem Mal drang die Kälte des Novemberabends durch seinen Wollmantel. Luise trug ein Kleid aus blassblauem Leinen, das zu groß für sie wirkte, darüber einen offenen grünen Parka und einen gelben Wollschal. Hannes blieb stehen. Sie verschwand beinahe hinter der Gitarre. Unvermittelt streckte er die Hand aus. Feine Falten zeichneten sich in ihrem Gesicht ab. Ihm war, als hätte er gestern darüber gestrichen. Er ließ den Arm sinken. Ob er sie jemals loslassen konnte?

„Luise“, sagte er.

Doch sie reagierte nicht, wirkte vollkommen versunken in ihr Gitarrenspiel. Hannes lauschte ihrer samtrauchigen Stimme. Flieg, blauer Vogel, flieg, sang sie mit geschlossenen Augen. Straßenmusikerin. Natürlich. Dauernd hatte sie davon gesprochen, dass sie eines Tages ihren Bürojob gegen die Musik eintauschen würde. Und dann verließ sie ihn. Mitten in der Nacht packte sie die Gitarre und stürmte zur Tür hinaus. Er wich einen Schritt zurück. Vielleicht war es besser, wenn Luise ihn nicht sah. Doch was, wenn sie auf der Straße lebte? Hannes raufte sich die Haare. Sie hatte ihn so verletzt. Abrupt wirbelte er herum und eilte durch die Menge. Der Nebel schluckte Stimmen und Geräusche, bildete ein Vakuum. Er fröstelte. Luise war zurück, sowie all die Erinnerungen, welche er so sorgfältig beiseite geschoben hatte.

Hannes rannte los, doch die Gedanken an Luise ließen sich nicht abschütteln, nicht mehr. Endlich stand er vor seinem Reihenhaus und schloss mit zitternden Fingern die Tür auf. Für einen Moment hatte er gehofft, dass hinter den dunklen Scheiben ein Licht brannte.

Später saß er mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch, sog den herben Duft ein und starrte auf die Postkarte aus Rom. Den Inhalt kannte er auswendig: „Es tut mir leid, so kann ich nicht leben. Ich bleibe hier, Luise.“ Die Wanduhr tickte. Hannes sprang auf, hastete vom Eichenholztisch zum Fenster und wieder zurück. Einfach alles erinnerte ihn an Luise. Mit wehenden Haaren war sie durch die Zimmer getanzt, hatte überall Gläser, Bücher und Kleider verstreut. Jeden Abend räumte er auf. Und jeden Abend schrie Luise, dass sie so nicht leben könne. Er strich über sein Gesicht. Vielleicht wäre sie geblieben, wenn er ihre Sachen ignoriert hätte. Das Telefon klingelte. Hannes zuckte zusammen. Seine Schwester spürte, wenn etwas schief lief.

„Ich wusste, dass du anrufst.“ Er rieb seinen Nacken.

„Du klingst seltsam“, sagte Olivia.

Er wünschte, Luise wäre bei ihm. „Nun. Luise ist zurück.“

„Doch nicht etwa bei dir. Das kannst du nicht tun. Nicht jetzt.“

Er hielt den Hörer vom Ohr weg. „Nun. Du hast sie nie gemocht.“

„Doch, ich mochte sie. Aber Luise hat dich so verletzt.“

„Nun. Vielleicht hat sie sich verändert.“

„Oh, Hannes, du hast dich kaum vom letzten Mal erholt. Sie wird dich wieder verlassen.“

„Das kannst du nicht wissen.“

„Luise braucht ihren Freiraum, das sollte dir inzwischen klar sein.“

„Ich habe sie immer unterstützt und an ihre Musik geglaubt.“ Hannes runzelte die Stirn. Wenn er nicht gerade aufgeräumt hatte.

„Das ist nicht gut genug“, sagte Olivia.

„Wie?“

„Ach nichts. Sophie muss ihr Zimmer aufräumen.“

Er umklammerte seinen Arm. „Unser Lied. Sie hat es gesungen.“

„Ich dachte, du wolltest sie endlich gehen lassen.“

„Nun. Es ist schwer.“

„Du solltest -“

Im Hintergrund hörte er Sophie kichern. „Wie geht es ihr?“

„ ... uns besuchen.“

Er krallte seine Finger in den Wollärmel. Luise wollte keine Kinder. „Ich habe viel zu tun.“

„Versuche wenigstens, das Leben zu genießen.“

Hannes schluckte. Er arbeitete zu viel, seit Luise fort war. „Nun. Ich gebe mir Mühe.“

„Sie ist es nicht wert“, sagte Olivia und hängte auf.

Darauf stieg er die knarrenden Stufen zum Schlafzimmer hoch. Allein.

Am nächsten Morgen griff er nach seinem Morgenmantel und hielt inne - Luise hatte ihm den Mantel geschenkt. Sanft strich Hannes über den Samt. Wie so oft hatte er von einer Meise geträumt, die ihrem Käfig entfloh. Hannes seufzte, fuhr ein letztes Mal über den Stoff und steckte ihn in den Altkleidersack. Kurz darauf polterte er die Treppe zur Küche hinunter. Auf dem Tisch stand noch die Kaffeetasse. Er trat ans Fenster und blickte in den Garten. Schon immer hatte er sich gefragt, was Luise in ihm sah, und er wusste, dass er sie mehr liebte, als sie ihn. Hannes strich über sein Gesicht. Eine letzte Rosenknospe trotzte der Kälte. Luise hatte die weißen Rosen geliebt. Seine Schwester meinte es gut, aber Olivia verstand nicht, dass Luise sein Leben mit einer Wärme erfüllt hatte, die ihm bis dahin fremd war. Sie hatte hinter die Reserviertheit gesehen und ihn so lange mit Fragen bestürmt, bis er über seine Gefühle sprach.

Und dafür würde er Luise ewig dankbar sein, auch wenn die erneute Kälte seines Alltags jetzt umso mehr schmerzte. Er seufzte. Einzelne Sonnenstrahlen drangen durch den Nebel und eine Blaumeise landete auf dem kahlen Apfelbaum-Zweig direkt vor dem Fenster. Sie schien mit ihm zu sprechen, wiegte den Kopf hin und her. Hannes schluckte, presste seine Hand an die Scheibe - und sie flatterte davon. Flieg, blauer Vogel, flieg. Er musste Luise finden.

Im Flur steckte er einen Umschlag in die Manteltasche. Feuchtkalte Luft schlug ihm entgegen, als er das Haus verließ. Er zog die Schultern hoch und eilte die Quartierstraße entlang in Richtung Innenstadt. Der Nebel ließ die Konturen der Ahornbäume und Häuser verschwimmen. Als Hannes das Zentrum erreichte, suchte er sie, glaubte manchmal ihr Gesicht in der Menge zu erkennen, doch sie war es nie. Es begann zu nieseln. Seit einer Ewigkeit irrte er umher. Luise musste da sein. Vielleicht war sie bereits weiter gezogen. Davon hatte sie immer geträumt: einem Leben voller Abenteuer. Hannes rannte los. Er wich aus, tauchte unter Schirmen durch und schlitterte um Hausecken. Seine Lungen brannten. Er durfte nicht zu spät kommen. Der Umschlag wog schwerer mit jedem Schritt.

Heftig atmend stützte er die Hände über den Knien auf. Er hatte sie gefunden. Endlich. Luise stand vor einem Blumenladen. Wieder sang sie Flieg, blauer Vogel, flieg und alles in ihm zog sich zusammen. Dieses Lied hatte sie ihm jeweils nachts gesungen. Die Lippen dicht vor seinem Ohr, so dass er ihren Atem auf der Haut spürte und ihren Kirschblütenduft roch. Hannes zog das Kuvert aus der Tasche. Nachdem er den Umschlag auf das Rosenkissen zu ihren Füssen gelegt hatte, zögerte er kurz, dann ging er weiter durch den Regen.

„Hey, Hannes?“

Er blieb stehen. „Luise.“ Hannes starrte in ihr Gesicht, das fremd und zugleich vertraut wirkte. „Danke für die Postkarte.“

Sie lächelte traurig. „Rom war hart. Und schmutzig. Und einsam.“

Hannes rieb seine Wange. „Es ist schön, dich zu sehen.“

„Dich auch. Die Bartstoppeln steh’n dir.“ Sie strich ihre langen Haare zurück. „Hey, das Geld, kam das von dir?“

Forschend blickte er sie an. „Bist du glücklich?“

Sie streckte das Kinn vor. „Klar. Wohnst du noch im Haus?“

Er schwieg. Es war nie ihr Haus gewesen, nicht wirklich. Selbst dann nicht, als sie überall Kerzen, Kissen und Rosen verteilte.

„Ich hab’s versucht“, sagte sie. „Wirklich.“

Die Wut hatte längst ihre Kontur verloren. „Ich weiß.“

Luise streckte ihm den Umschlag entgegen. „Das Geld -“

„Nun. Es gehört dir. Du hast nichts mitgenommen.“

„Ich brauch’ nicht viel.“ Sie hob kurz die Gitarre. „So bin ich frei.“

„Behalte es trotzdem, der Winter ist lang.“

Und da lachte Luise, diesen gurgelnden Laut von früher, der das Haus mit Leben erfüllt hatte. „Ich lebe nicht auf der Straße, falls du das gedacht hast. Ich bleibe nur nie lange.“ Sie steckte das Kuvert ein.

„Aber das lieb’ ich so an dir, du fängst mich immer auf.“

Hannes zuckte zusammen und schwieg. Luise war in seinen Stadtbus  gestolpert, so hatten sie sich kennengelernt.

„Hey, ich musste gehen.“ Sie kam näher.

„Ich weiß.“

Luise roch nach Kirschblüten. Am liebsten würde er sie umarmen. Hannes verschränkte die Arme hinter seinem Rücken und sie summte Flieg, blauer Vogel, flieg. Schweigend standen sie sich gegenüber. Sein Puls raste.

„Vielleicht kann ich’s jetzt“, sagte sie dann und sah an ihm vorbei.

Er blickte hinunter in ihr zartes Gesicht und wollte, wollte so sehr, dass alles wieder war wie früher. Er seufzte. „Luise -“

„Ja?“

Ihm blieb die gemeinsame Zeit. Er löste seine Arme und steckte eine Hand in die Manteltasche. Die Kälte würde er mit neuen Erinnerungen vertreiben. „Es ist vorbei.“

Sie streckte das Kinn vor. „Hey, ich kann das.“

Luise durfte man nicht festhalten. Flieg, blauer Vogel, flieg. „Nun. Es tut mir leid.“

Kurz legte er ihr die Hand auf den Arm, nahm ein letztes Mal Luises filigrane Züge in sich auf, die einst sein Zuhause waren, dann wandte er sich ab.

-