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2. Platz:

Regine Umbach

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Bis gestern

Genre-Wettbewerb 2015 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Ein starker, sinnlicher Einstieg. Die Erläuterung folgt. Nahaufnahme, dann Objektiv auf! Regine Umbach zieht ihre Leser gekonnt in die Geschichte hinein. Sie beschreibt, wie sich Bürgerkrieg für eines der Opfer anfühlt, was es mit dem Mädchen Shirin anstellt. Sie tut das unverhüllt, beinahe sachlich. Deshalb fühlt man mit, fühlt sich aber nicht angefasst. Da ist eine Grenze, die nicht überschritten wird. Die Bilder sieht man fast täglich im Fernsehen - die Autorin gibt ihnen Individualität. Der Schluss aber ist versöhnlich. Der erzählerische Kreis wird perfekt geschlossen, weil die Empfindung vom Einstieg wieder aufgenommen wird und die Lösung liefert. Das Originelle an dieser Geschichte ist die Verwandlung einer sinnlichen Wahrnehmung ins Symbolische. Und das hält die Autorin hervorragend durch.


Bis gestern

Meine Welt ist dumpf. Das war nicht immer so, aber seit ein paar Wochen höre ich nur noch wie in Watte gepackt. Doch es stört mich nicht. Es ist besser so. Dachte ich.

In meiner Welt war es seit Langem laut. Die lärmenden Stimmen meiner Familie, die Schreie der Soldaten, die Bomben, die tagtäglich in unserer Nähe explodierten und das Maschinengewehrfeuer. Ratatatata, verbunden mit den menschlichen Schreien, die darauf folgten. Die Schreie der übriggebliebenen und verletzten Familienmitglieder. Wenn es welche gab. Wenn nicht, senkte sich mit dem Staub eine unheimliche Stille auf der Erde nieder, erdrückend und schwer. Die großen umherfliegenden Steine, einmal Teile von Häusern, waren gefährlich für das Leben. Der feine Staub aber war tückisch. Er zog in alle Ritzen der Kleidung, der Häuser und der Seelen und hinterließ seine Spuren. Farben verschluckte er leise.

Ich selbst hatte noch kein Maschinengewehr halten müssen, wie so viele Mädchen unserer Stadt. Meine Mutter war dagegen. So sehr die Scham darüber auf meinen Wangen brannte, wenn ich den anderen begegnete, so froh war ich, nicht mit ihnen zitternd in der Erde zu liegen und auf Menschen schießen zu müssen. Die Narben der Gewalt waren mit jedem Tag deutlicher in ihren Gesichtern geschrieben und der Glanz ihrer Augen verblasste mehr und mehr bei jeder Rückkehr. Wenn sie zurückkehrten.

Der Spielplatz meines kleinen Bruders war ein Feld aus Trümmern. Wenn er aus dem Haus durfte, dann spielte er am liebsten Fußball. Mitten im Geröll, mitten zwischen den Steinen und dem Staub, mitten zwischen Zerstörung und Hoffnung konnte ich sie sehen. Kleine Jungs, liefen über das, was von den Straßen übrig war, jagten dem Ball hinterher und für einen Moment schien ihre Welt in Ordnung zu sein.

„Tor, Tor!“

Ich konnte sie hören, wie sie sich anfeuerten und beschimpften oder gemeinsam jubelten. Doch diese Momente wurden weniger. Wir verließen kaum noch das Haus.

An einem Tag wie an jedem anderen, an dem der Lärm des Krieges unseren Alltag begleitete, schlug sie ein. Mitten in das Haus unserer Nachbarn. Erst kam das unheilvolle Zischen der Bombe, dann das laute wohlvertraute Geräusch der Explosion. Das Beben der Erde, begleitet vom grellen Licht und den Staubwolken, kündigte an, dass das Heim von Ali und seiner Familie am Ende nicht mehr sein würde, als ein großer Haufen Steine. Und eine Menge Staub.

Danach war es herrlich still! Das erste Mal seit Wochen hörte ich nur mein eigenes Herz klopfen und wenn ich die Augen schloss, konnte ich mir vorstellen, alles sei wie früher. Unsere Stadt friedlich im Sonnenschein. 

Dann riss jemand an meiner Schulter. Ich öffnete die Augen und sah in das erschreckte und schmerzverzerrte Gesicht meiner Mutter und erkannte ihre Panik. Ich sah, wie sich ihr Mund öffnete und wieder schloss, wie sie wild mit den Armen wedelte, sich umdrehte und weglief. Dann kam sie wieder, ich glaube, sie rief meinen Namen: „Shirin, Shirin.“

Als ich noch immer nicht reagierte, nahm sie mich unsanft am Arm, zog mich hinaus und hinein in den Nebel und das Chaos der Straße. Nicht nur das Haus von Ali war getroffen, auch andere Gebäude der Nachbarschaft. Überall war Qualm und ich konnte Ali sehen, wie er die Hände zum Himmel streckte und immer wieder etwas rief. Die Tränen hatten kleine feine Linien in sein staubbedecktes Gesicht gezogen. Es war unheimlich. Die Brutalität des Augenblicks, die Verzweiflung in den verzerrten Gesichtern, das wilde Durcheinander aus Dreck, herumfliegenden Teilen und Menschen passte nicht zu der Stille in meinem Kopf.

Es war der Moment, in dem meine Eltern entschieden, mit mir und meinem kleinen Bruder Yousef wegzugehen. Sie hatten sich lange gesträubt und lange vorbereitet. Niemand gibt einfach sein Zuhause auf, selbst, wenn es voller Zeichen des Todes ist, eine sterbende Stadt mit leidenschaftlichen Kämpfern.

Es brauchte nicht viel Zeit. Ein paar Habseligkeiten und die Papiere und wir machten uns auf den Weg. Kein Blick zurück. Die Augen der Zurückbleibenden ruhten auf unseren Rücken und gravierten ihre Traurigkeit, ihren Neid oder ihre Verachtung in unsere Herzen.

Ich hörte es nicht, aber ich sah Yousef weinen. Die Tränen rannen ihm schamlos das kleine Gesicht hinunter und er zerrte an der Hand meines Vaters. Es half nichts.

Jetzt sind wir hier. Angekommen. In einem fremden Land, mit einer fremden Sprache und fremden Gesichtern. Es war eine lange Reise und ich versteckte mich die ganze Zeit in meiner Stille, froh, sie als Verbündete zu haben.

Jetzt sind wir in Sicherheit. Vor den Bomben. Vor dem beschwerlichen Weg. Vor den maroden Frachtern, die uns wie Vieh über das Meer gebracht haben. Vor dem Gestank nach Angst und Hoffnungslosigkeit. Sind wir auch sicher vor dem Staub auf unseren Seelen?

Unsere Unterkunft ist klein. Wir teilen uns den Platz mit vielen Familien. Es sieht aus, als hätte man versucht möglichst viele Leute hier unterzubringen. All die Menschen mit ihren Habseligkeiten, ihren dreckigen Koffern, ihren kleinen Schätzen, die ihnen so wertvoll erschienen, dass sie sie mitgenommen haben in die neue Welt. Familien wie wir, ohne Heimat.

Vor ein paar Tagen untersuchte mich eine Frau und gab mir eine Spritze. Sie lächelte mich freundlich an und redete mit mir. In einer Sprache, die ich nicht verstand. In einer Sprache, die ich nicht einmal hörte. Es war mir egal.

Seit gestern gehe ich in die Schule, zusammen mit Yousef. Alles ist fremd. Alles ist so anders als bei uns. Selbst die Buchstaben.

Das erste Mal sah ich sie draußen stehen, an einem Baum. Als ob sie nur auf mich gewartet hätte. Das Mädchen lachte mich an und ihre großen weißen Zähne blitzten mir fröhlich entgegen. Dann nahm sie mich bei der Hand und führte mich herum. Ich weiß nicht, wie sie heißt und wenn sie versucht es mir zu sagen, verstehe ich es nicht. Aber ich weiß, wir werden Freundinnen, sie und ich.

Bis gestern dachte ich, es wäre gut, in diese Welt aus Ruhe und Stille eingetaucht zu sein. Heute wüsste ich gerne ihren Namen.

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