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3. Platz:

Katrin Lange

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Stippvisite in der Normalität

Genre-Wettbewerb 2015 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Starke Gefühle zu schreiben ist eine der schwierigsten Aufgaben für einen Autor: Wie macht man das, verdammt? Nicht zu viel, bloß nicht kitschig, welche Vokabeln gehen - oder doch lieber zeigen, mit Körpersprache und Aktionen? Katrin Lange traut sich und sie hält es simpel: Momentaufnahme mit Wut, Enttäuschung, Selbstmordgedanken. Und diese Gefühle beschreibt sie so, dass man sie wieder erkennt. Einfach und wahr. Dann der Rückblick zum Verständnis, wie es dahin kam, auch hier besticht die Geschichte durch Schnörkellosigkeit. Zum Schluss eine gelungene Pointe, die dem Leser ein tiefes Verständnis in die Welt von chronisch Kranken vermittelt und gleichzeitig die emotionale Anspannung mit einem Lächeln auflöst.


Stippvisite in der Normalität

Jan rast mit seinem Auto über die Landstraße, er ist aufgewühlt, wütend, verletzt. Vertraute Bilder und Menschen blitzen in seinen Gedanken auf: seine Eltern, die immer für ihn da sind, die letzte Chemie-Vorlesung, in der ein Versuch etwas zu explosiv ausgegangen war, Kai und Michael, seine besten Freunde seit Kindesbeinen an - und Caroline. Am liebsten würde er gegen den nächsten Baum fahren, nichts mehr spüren, keine Krankheit, kein Mitleid, keine Caroline mehr. Dann wieder hat er das Gefühl, dass er sich noch nie so sehr gespürt hat wie jetzt gerade, hier, im Auto, auf der Flucht.

Jan hatte Caroline in der Theatergruppe der Uni in Hannover kennengelernt. Er war bereits im sechsten Semester, studierte Mathe und Chemie auf Lehramt. Sie hatte sich für Englisch und Geschichte eingeschrieben. Die Theatertruppe bestand aus Studenten aus allen Fachbereichen und vor gut einem Jahr war Caroline dazugestoßen: blonde lange Haare, schlank, und Augen, in denen Jan eine Tiefe entdeckte, die ihn nicht mehr losließ. Er mochte Caroline. Und Caroline mochte Jan. Er hatte es sich eigentlich nie richtig erklären können, dass sie sich für ihn interessierte, für Jan van Steegen, damals 22 Jahre alt und an Multipler Sklerose erkrankt. Jan sah nicht schlecht aus: braune, kurze Haare, freundliches Gesicht, gepflegtes Äußeres. Aber da war eben noch die MS; erste Symptome mit Anfang 20, die rasch eine endgültige Diagnose zuließen.

Caroline und Jan hatten sich schnell angefreundet. Seine Krankheit machte ihr nichts aus. Caroline packte Jan nicht in Watte. Sie war eine der Wenigen, die ihn behandelte, wie jeden anderen Studenten an der Leibniz Universität auch. Bei einem Grillabend waren sich die beiden näher gekommen. Sie hatten mit Kommilitonen am Maschsee Würstchen gegessen, getanzt und viel gelacht. Nachdem die anderen aufgebrochen waren und der Abend in eine sternklare Nacht überging, blieben Caroline und Jan am Feuer sitzen. Sie redeten über ihre Jugendsünden, ihre Ängste, Wünsche und Träume. Caroline fragte Jan nach seiner Erkrankung, nach den Schüben und Medikamenten. Sie wollte wissen, was Jan fühlte an guten und an schlechten Tagen. Caroline war interessiert, nicht aufdringlich und auch nicht voller Mitleid. Jan hasste Mitleid. Er redete daher nicht oft über die MS. Meist folgten auf sein Outing Schweigen, unerträgliche Stille und betretene Gesichter. Mit Caroline war das anders.

Auf dem Nachhauseweg vom See küsste Jan Caroline. Er weiß bis heute nicht, woher er den Mut genommen hatte, aber er blieb stehen, nahm ihre Hand, legte die andere in ihren Nacken und küsste sie. Es war ein Feuerwerk, es war wundervoll. Es war das Beste, was Jan bis dahin erlebt hatte. Und seit diesem Kuss waren die beiden unzertrennlich.

Doch heute sollte schlagartig alles vorbei sein. Jan wollte Caroline zu ihrem ersten Jahrestag überraschen, ein romantisches Abendessen in der Mädels-WG. Melli hatte Jan den Wohnungsschlüssel gegeben. Sie mochte Jan. Er war ein netter, solider Typ. Freundlich und meist gut gelaunt. Wenn da nur nicht diese Krankheit wäre.

Jan schloss die Wohnungstüre der Mädels-WG auf, schwer mit Einkaufstüten bepackt. Er wunderte sich, dass nur einfach abgeschlossen war, machte sich aber keine weiteren Gedanken. Caroline war mit Melli unterwegs. Das wusste er. Shoppen. Das hatte er mit Melli so arrangiert. Später hätten Melli und Bea, die dritte im Bunde, eine Arbeitsgruppe. Caroline käme in die WG zurück. Er und Caroline hatten sich locker verabredet, mal telefonieren, vielleicht käme er dann noch vorbei. Hätte er da schon etwas merken müssen? Dass sie anscheinend ihren ersten Jahrestag vergessen hatte? Überhaupt war Caroline in letzter Zeit komisch, etwas abgewandt und hatte wenig Zeit für Jan. Doch darüber wollte er an diesem Abend nicht nachdenken. Stattdessen machte er sich auf den Weg in die Küche. Während Jan die Lebensmittel auspackte, hörte er unvermittelt Stimmen. Wie konnte das sein? Keiner sollte hier sein! Auf Zehenspitzen schlich Jan den Flur entlang, aus der Küche vorbei am Zimmer von Melli, vorbei am Bad und dann ... Die Stimmen kamen aus Carolines Raum! Eine Männerstimme! Ohne nachzudenken oder anzuklopfen stieß Jan die Tür auf und er sah Caroline - er sah seine Caroline, mit Lukas, aus der Theater-AG, auf dem Bett, nackte Haut, Oberkörper ineinander verschlungen - und sie küssten sich, innig. Jan vergaß zu atmen. Er rannte aus der Wohnung, stolperte durch das Treppenhaus, stürmte raus an die frische Luft, bloß wieder atmen. Wut stieg in ihm auf, Tränen kamen. Jan setzte sich ins Auto und fuhr los. So schnell wie möglich weg, nach Hause oder zum See? Zu ihrem Platz? Sein Kopf schien zu bersten. Er pochte. Jan schrie, drehte die Musik auf, brüllte dagegen an, gegen die Musik, gegen den Schmerz. Dann kamen auf einmal all die Erinnerungen in seinen Kopf und er spürte etwas seltsam Beruhigendes, etwas, das sich über seine Gefühle, seine Gedanken, seinen ganzen Körper legte. Er fühlte sich normal, sowas von normal, fast undenkbar normal. Jan war 23 Jahr alt, Student und er war soeben betrogen worden.

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