Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

1. Platz:

Kathrin Orso

-

Kathrin Orso - t wie Tobi

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2015 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Der starke Einstieg nimmt den Leser sofort gefangen. „Lea - lass die Finger von Tobi, sonst mach ich dich fertig!“ Die Spannung ist aufgebaut, jetzt gibt es für den Leser kein Zurück mehr, er muss weiterlesen.
Aber es ist nicht nur die Spannung, die die Geschichte auszeichnet. Es sind die Gefühle, mit denen die Autorin Kathrin Orso spielt. Leas Verliebt sein, ihr neues Glück, ihre Unbekümmertheit, Gefühle, die kurz darauf umschlagen in schreckliche Angst. Die Verfolgung, der zweite Brief, und dann die Einsicht: Er will mich töten.  Auch die schnörkellose Umgangssprache besticht in diesem Text, genauso wie die genaue Schilderung des Milieus und des düsteren Wetters, das die beängstigende Szene perfekt widerspiegelt. Ein rundum gelungener spannender Kurzkrimi, der den Leser auch nach der Lektüre nicht loslässt. Schauerlich schön!


Kathrin Orso - t wie Tobi

Der Zettel traf mich in der sechsten Stunde - Deutsch-LK bei Frau Hinrichs.
Ich blickte mich um, aber fünfundzwanzig Augenpaare waren aufmerksam auf unsere Lehrerin gerichtet. Ich entfaltete die Nachricht unter meinem Tisch. In blutroter Tinte war darauf ein einziger Satz geschrieben:

Lea - lass die Finger von Tobi, sonst mach ich dich fertig!


Wieder ließ ich meinen Blick über die Klasse kreisen. Wer schrieb so eine bescheuerte Nachricht? Und vor allem: Wen interessierte, ob ich mit Tobi zusammen war? Die Beziehung war so frisch, dass ich es selbst noch nicht richtig glauben konnte. Ich zerknüllte den Zettel und steckte ihn in meine Hosentasche. Vermutlich war das nur ein dämlicher Witz.

Als die Schulglocke läutete, hatte ich die kindische Schmiererei erfolgreich aus meinem Gedächtnis verdrängt. Ich packte meine Bücher in die Tasche und überlegte, ob ich mein Deutschreferat nächste Woche über Emilia Galotti halten sollte.

Etwas Kaltes streifte meinen Arm. Erschrocken drehte ich mich um. Es war Tobi.

„Hey...“ Mein Lächeln verfing sich in seinen bernsteinfarbenen Augen.

„Hi Süße!“ Er zog mich an sich und vergrub seine Nase in meinen Haaren.

„Mmh… du riechst so gut.“

Bevor ich etwas sagen konnte, küsste er mich einfach auf den Mund. Mit Sicherheit starrten uns gerade alle an, aber das war mir egal.

Tobis Küsse schmeckten so neu und ungewohnt ... und trotzdem war ich jetzt schon süchtig. Ein kribbelnder Schauer breitete sich auf meiner Haut aus. Seine Nähe löste etwas in mir aus, das ich vorher noch nie gefühlt hatte.

Ein Räuspern holte mich in das Klassenzimmer zurück. Ich öffnete die Augen und sah, dass Lenny an meinem Tisch lehnte.

„Hebt euch das für zu Hause auf.“ Seine Mundwinkel zuckten.

Ich stupste ihn mit meinem Deutschbuch an. „Keine Sorge, hier bleibt alles jugendfrei.“ Lenny lachte und wandte sich dann an Tobi.

„Alter, die Theater-AG geht gleich los. Verabschiede dich mal von deiner Prinzessin.“ Wir gingen zusammen aus dem Klassenraum.

Tobi gab mir einen letzten Kuss und flüsterte: „Ich ruf dich später an.“ Dann verschwanden die beiden hinter der nächsten Ecke.

Ich musste mich auch beeilen. Der Sportunterricht hatte vor fünf Minuten begonnen und Frau Bremmer konnte Zuspätkommer absolut nicht ausstehen. Ich hetzte den leeren Korridor entlang. In der Ferne hörte ich ein leises Donnergrollen. Über der Stadt braute sich ein Gewitter zusammen. Die Bäume im Schulhof schwankten heftig im Wind und warfen gespenstische Schatten an die Wände.
Hinter mir hörte ich ein leises Klicken. Ich drehte mich um, aber das Treppenhaus war wie ausgestorben. Ich straffte meine Schultern und ging weiter. Wahrscheinlich war irgendwo ein Fenster offen. Ich hatte das Untergeschoss erreicht. Der Flur zur Turnhalle lag wie ein düsteres Gewölbe vor mir.

Klick. Diesmal hörte ich das Geräusch ganz deutlich. Mein Magen zog sich zusammen. Ich ging einige Schritte zurück, schaute durch das Geländer nach oben und sah einen Schatten, der sich von den Gitterstäben wegbewegte.

„Hallo?“ Meine Stimme hallte durch das leere Treppenhaus. Keine Antwort. Ein Donnergrollen unterbrach die Stille. Erschrocken ließ ich die Sporttasche fallen. Meine Turnschuhe kullerten die Stufen hinunter.

Mein erster Impuls war, sie einfach liegenzulassen und in die Turnhalle zu laufen, aber was hätte ich dann Frau Bremmer sagen sollen? „Meine Sportsachen liegen auf der Treppe, weil ich mich vor dem Gewitter gefürchtet habe?“ Das war einfach lächerlich. Ich kniete mich auf den Boden und angelte nach den Schuhen. Ich hörte den Regen, der gegen die Fensterscheiben peitschte. Für einen kurzen Augenblick erhellte ein Blitz den Gang. Als ich mich aufrichtete, blieb mein Blick am Geländer im ersten Stock hängen. Da war er wieder. Der Schatten! Er kroch an den Gitterstäben entlang.

Ich hielt die Luft an. Wie gelähmt blickte ich nach oben.

Eine weiße Hand schob sich zwischen die Gitterstäbe. Durch die Finger glitt ein Stück Papier und segelte zu mir hinunter. Mein Herz pochte wie verrückt. War das alles ein blöder Scherz? Mit zitternden Fingern hob ich den Zettel auf und entfaltete ihn. Er war in der gleichen blutroten Tinte wie die erste Nachricht geschrieben:

Ich habe dich gewarnt

Eine dumpfe Welle der Panik stieg in mir hoch. Das war kein Scherz, sondern bitterer Ernst. Blitzartig schnellte der Schatten nach oben. Jemand rannte die Treppe hinunter. Keuchend nahm ich meine Tasche und lief in den Gang, der die Turnhalle mit dem Hauptgebäude verband. Hier unten gab es keine Fenster. Lange Neonröhren tauchten den Flur in grelles Licht. Etwa 50 Meter trennten mich von der Turnhalle. Die Schritte kamen näher. Ich rannte so schnell ich konnte. Da ging das Licht aus. Um mich herum war es stockdunkel, aber ich durfte nicht stoppen.

Vor mir leuchtete das grüne Notausgangschild. Gleich hatte ich die Tür zum Turnhallentrakt erreicht. Ich wollte um Hilfe schreien, doch da warf mich jemand zu Boden. Der Angreifer hielt mir den Mund zu und schleifte mich durch eine Tür. Ich strampelte und sträubte mich dagegen, doch ich hatte keine Chance.
In heftigen Stößen atmete ich durch die Nase. Ich hatte das Gefühl zu ersticken.

Da lockerte mein Entführer seinen Griff. Ich versuchte mich aufzurichten.

Klick. Diesmal hörte ich das Geräusch direkt neben meinem Kopf. Ich spürte eine kalte Klinge an meiner Kehle und eine vertraute Jungenstimme sagte:

„Keinen Mucks, sonst schlitz ich dich auf.“

Es war Lenny.

Durch einen Fensterschacht fiel schummriges Licht in den Lagerraum. Seine Gesichtszüge wirkten verzerrt.

Ich schluchzte auf: „Lenny, was soll das?!“

Er beugte sich über mich, schnüffelte geräuschvoll an meinen Haaren und äffte mit hoher Stimme: „Du riechst so gut!“ Sein hohles Lachen dröhnte in meinen Ohren.

„Ich hab dich gewarnt: Du sollst deine dreckigen, kleinen Finger von Tobi lassen.“

Seine Augen blitzten mich hasserfüllt an. In meinem Kopf drehte sich alles.

Ich sah Lenny, wie er den Arm um Tobi legte.

Ich hörte Lennys Lachen, wenn er mit Tobi redete.

Ich spürte den bohrenden Blick, als Lenny uns heute im Klassenzimmer beobachtet hatte.

Tränen liefen über meine Wangen. „Bist ... bist du in Tobi ...?“

Lenny drückte mir die Klinge fester an die Kehle. Ich konnte meine pulsierende Halsschlagader unter dem kühlen Metall fühlen.

„DU stellst keine Fragen! Wenn Tobi dich heute anruft, machst du mit ihm Schluss.“ Ich nickte stumm. Er war ein Irrer.

„Falls du vorhast mich zu verarschen ...“ Er nahm meine Hand und presste die Klinge darauf.

„... bring ich dich und jeden, der dir wichtig ist, um. Kapiert?“ Ich spürte zwei Schnitte in meiner Handfläche. Blut floss aus dem eingeritzten Kreuz über meine Finger. Ich starrte es an. Minuten, Stunden.

Das Kreuz war ein t.

t wie Tobi.

-