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2. Platz:

Herbert Feid

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Herbert Feid - Die letzte Nacht

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2015 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Ein eingefrorener Leichnam, ein Stromausfall, eine defekte Kühlung - tolle Ideen für eine spannende Geschichte. Kein Krimi - aber auch ohne Leiche schafft es Herbert Feid den Leser in Bann zu halten. Wie macht er das? Es ist die Mischung zwischen Magie und Realität, die er stimmig zu einem Ganzen zusammengewoben hat. Die Ehefrau, deren Gefühle sich nicht täuschen lassen. Er ist da, Florian lebt! Und dann am Ende, diese wundervolle Pointe, die dem Leser die Gewissheit gibt, all das ist „wahr“.

Der Autor schafft es gekonnt, Fantasie und Realität zu mischen und den Leser verblüfft und freudig zurückzulassen.


Herbert Feid - Die letzte Nacht

Es war kurz vor Weihnachten, ich wälzte mich unruhig im Bett hin und her. Dr. Gassens Worte vom Vormittag surrten durch meinen Kopf, durchlöcherten meinen Verstand. „Die Grenze zwischen Leben und Tod ist nicht immer definierbar.“ Florian, mein Mann, war letztes Jahr an einem Gehirntumor gestorben, oder lebte er noch? Er wurde eingefroren, liegt seitdem bei Dr. Gassen im Labor, bleich, leblos, jedoch keine Mumie, wie mir immer wieder versichert wurde. Er warte auf seine Operation. Wenn ich ihn mit seinem sensiblen Gesicht so friedlich daliegen sah, kam es mir vor, als lebe er wirklich, ruhe sich nur aus, um dann mit mir gemütlich Abendbrot zu essen, wie es seine Gewohnheit war, wenn er ausgepumpt vom Labor nach Hause kam. Aber seine Wimpern bewegten sich nicht, kein flüchtiges Lecken an der Oberlippe, was ich so reizend an ihm fand, wenn er erwachte, und ein Tröpfchen Speichel daran hängen blieb. Er ruht stumm im seinem gläsernen Sarg, ich kann ihn nicht ins Leben zurück küssen. Seit letztem Jahr war ich fast jeden Tag für einige Stunden bei ihm, stellte frische Blumen an seinen Schrein, erzählte von meinem täglichen Einerlei aus Chaos und Ordnung und lachte ihn aufmunternd an. Sein Bild ist inzwischen fest in meinem Körper eingebrannt. Vielleicht lieben wir uns jetzt noch mehr als vor einem Jahr.

Vom Fenster her spürte ich ein blasses Licht auf meinem Rücken, war es der Vollmond, der mich in meinen trüben Gedanken trösten wollte? Ich drehte mich schläfrig zum Fenster hin, wollte ihn grüßen, aber es war stockdunkel, dennoch empfand ich eine heimliche Helligkeit. Ich drehte mich wieder zur Wand, dachte an Florian, der tagein tagaus unter aschblauer Beleuchtung auf dem Rücken liegt. Meine Augen wurden feucht. Die Helligkeit tastete sich geräuschlos an mich heran, ich spürte ihre Wärme auf meinen bloßen Armen, dann wurde es so hell, dass sogar mein Schatten an der Wand erschien. Ich drehte mich vorsichtig um, öffnete die Augen und erahnte im grellen Gegenlicht die Silhouette eines Menschen. Meine Augen schmerzten, ich musste sie schließen. Gleichzeitig durchrieselte meinen Körper ein Gefühl der Geborgenheit. Ich erkannte ihn sofort, niemand anderes als Florian stand vor mir. Aber ich wusste auch, dass er weit entfernt im Labor unter einer Glashaube im solarflimmernden Blaulicht bewegungslos dahindämmert. Für einen Augenblick genoss ich die Erregung, mit Florian zusammen zu sein. Kein Wort, kein Laut störte. Mit fest geschlossenen Augen und flachem Atem kostete ich den Moment aus, dann drehte ich mich weg vom zu grellen jungfräulichen Weiß, wieder hin zur Wand.

„Hallo, Liebes!“ Ein Hauch von Florians Stimme umwehte mich auf ganz eigene Weise. Mit Freuden gab ich mich dem Wunschtraum hin, denn seine rauchige Stimme hatte ich schon über ein Jahr nicht mehr vernommen. Wieder schossen mir Tränen in die Augen, Freudentränen.

„Warum schweigst du?“ Florian sprach mit mir und ich hatte Angst zu antworten. Mit meiner Stimme, ging es mir durch den Sinn, würde ich den Zauber zerreißen, der in mein Zimmer eingedrungen war, es überflutete. Ich presste meine zitternden Lippen aufeinander, mein Herz wollte aufschreien, mein Verstand ließ es nicht zu. Ich begann heftig zu weinen, fühlte einen Schmerz, der aber nicht wehtat.
„Weine doch nicht, ich bin ja bei dir!“ Ich verkroch mich immer tiefer in meine Kissen, es war eine wundersam pochende Erregung, die jetzt meinen Körper in langsamen Wellenbewegungen durchpflügte, wie eine sanfte Brandung am seichten Sandstrand.

„Ich komme wieder, bald, dann wollen wir unsere Zeit genießen.“ Alles was ich konnte, war ein glückliches "Ja" ins feuchte Kissen zu hauchen. Mein Schatten an der Wand verlor an Schärfe, die wohlige Wärme um meine Arme entschwand und auch das blasse geheimnisvolle Licht erlosch leise. Die Nacht breitete wieder ihren pechschwarzen Mantel über mich aus. Wohlige Müdigkeit überfiel mich und so tief und glücklich war ich schon lange nicht mehr eingeschlafen.

Als ich am nächsten Morgen das Fenster öffnete, umströmte mich kalte, erfrischende Luft, weiße Weihnachten war zu fühlen. Mit der letzten Nacht im Herzen erledigte ich die morgendlichen Aufgaben und ging meinem Halbtagsjob nach. Ich konnte es kaum erwarten, aber dann war es endlich sechzehn Uhr, ich machte mich auf dem Weg zum Labor. Unterwegs kaufte ich asiatische Orchideen, Florians Lieblingsblumen. Die Besitzerin, ein Inge-Meysel-Muttitype, war immer gut aufgelegt, wenn ich kam. Ich war wohl ihr bester Kunde.  Warum weiß ich nicht mehr, aber ich erhielt an diesem Tag den Strauß kostenlos, sie wollte absolut kein Geld annehmen. Im Labor war ich bekannt, betrat leise das abgedunkelte Zimmer, in dem Florian lag. Ich arrangierte die Blumen, setzte mich neben meinen Mann und schaute wie immer zuerst in seine etwas zu ehrlichen blauen Augen. Eine aufkeimende Erregung erfasste mich vom Bauch her, ließ meine Fingerspitzen leicht vibrieren. Es dauerte Sekunden, dann sah ich es, sah es ganz deutlich. Natürlich war es nur eine Illusion, aber ich sah es, bemerkte sogar den winzigen grauen Schatten, den es warf. Mein Plus jagte.

In diesem Augenblick betrat Dr. Gassen das Zimmer, der mich mit seiner massiven Gestalt, dem voluminösen Bauch und heimtückischen Grinsen immer an Gerd Fröbe als Goldfinger erinnerte. Sein Blick strich unruhig über Florian.

„Hallo, liebe Frau Kersten“, platzte er in seiner jovialen Art heraus und fuhr unter Husten und seinem stachligen Lächeln fort: „Alles ist wieder in Ordnung. Gestern hatten wir zum ersten Mal einen Stromausfall an der Beleuchtung Ihres Gatten, aber der Fehler wurde nach kurzer Zeit behoben.“ Geschäftig eilig verschwand er aus dem Zimmer. Ich starrte wieder auf Florian. Bestimmt, da war es! Auf seiner Oberlippe glänzte ein Tröpfchen Speichel!

Natürlich war es nur eine Halluzination. Aber eine Mischung aus Panik und Hoffnung ließ mich für drei Tage nachts nicht mehr schlafen. Dann erwärmte das geheimnisvolle Leuchten erneut meinen unruhigen Körper, durchdrang ihn, und da war auch wieder Florian! Es war viel Helligkeit um ihn. Mein Bauch lärmte vor Aufregung, angstvolle Freude schob sich unter meine Haut.  Aber wieder wagte ich es nicht, ihn anzuschauen, das schmerzend weiße Licht um Florian zu durchdringen. Ich begrub meinen Kopf im Kissen, wartete in atemloser Spannung, meine Augen blieben trocken.

„Hallo, Liebling!“ Florians raue Stimme flüsterte mir ins Ohr, er war jetzt ganz nahe. Ich spürte seine warme sanfte Haut sich an meine legen, fühlte seinen Atem an meinen Lippen mild vorbei streichen. Wir küssten uns ausgiebig, streichelten uns, liebten uns.

Am nächsten Nachmittag war im Labor alles in Aufregung. Die Kühlung hatte nachts versagt, wohl nur für wenige Sekunden, und  Dr. Gassen lief mit einem besorgten Gesicht umher. Schließlich sei alles unter Kontrolle gebracht worden, das Notaggregat sei angesprungen. Die Daten meines Mannes zeigten nur kurzzeitig eine leichte Erwärmung, sagte er mit seinem hinterhältigen Lächeln, das er immer aufsetzte, wenn er zu mir ins Zimmer kam. Ich blieb den Tag mit Florian allein, ich sprach nicht, mein Herz tobte noch von der letzten Nacht. Als ich Florian so betrachtete, schien mir für Augenblicke ein Koboldslächeln um seine Mundwinkel zu spielen, nein, ich war mir sicher! Sogleich wieder ernste Totenstarre wie seit seinem Gehirnschlag vor einem Jahr. Ich blieb bis spät abends an seiner Seite, entfernte die welken Blumen, wusch die Vase sorgfältig aus, stellte den Stuhl unter den Tisch und verließ das Labor.

Seither besuche ich das Labor nicht mehr und die leblose Hülle, die Dr. Gassen ein so diabolisches Vergnügen bereitet. Florian ist nicht mehr dort. Er lebt mit mir im flüchtigen Rascheln der Blätter, im zarten Duft der Maiglöckchen, die jetzt blühen, im Kobaltblau des Himmels, in der Salzluft, die nach Meer schmeckt, oder im Lufthauch, der meine Wangen streichelt.

Nächste Weihnachten werde ich nicht mehr alleine feiern.

Ich bin schwanger.

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