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3. Platz:

Catharina Heinze

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Catharina Heinze - Bis ins Grab

Genre-Wettbewerb-Wettbewerb 2015 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Ein Film, der den eigenen Mann mit einer anderen Frau zeigt, ein Grabstein, in dem der eigene Name eingraviert ist - es sind die Ideen, die in diesem Kurzkrimi bestechen. Ideen, die die Autorin spielerisch miteinander verwoben hat und den Leser am Ende mit einer Gänsehaut zurücklassen. Catharina Heinze baut die Spannung in Ihrem Text stetig auf und endet mit einem großartigen Szenario, das jeden Leser gruseln lässt.  „Mein Todestag war morgen“.

Hinweise, Gedanken, Rückblicke, viele kleine Details geben dem Leser genau die Informationen, die er braucht, um sich voll und ganz einzulassen auf diesen unterhaltsamen Kurzkrimi mit grusligem Ende.


Catharina Heinze - Bis ins Grab

Es war eine düstere Novembernacht und ich war allein Zuhause. Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Einschlafen ohne Edward an meiner Seite fiel mir schwer. Seit unserer Hochzeit vor vier Monaten hatten wir noch keine Nacht getrennt voneinander verbracht. Dann, vorige Woche, hatte Edward eine dringende Geschäftsreise antreten müssen, von der er morgen zurückkehren würde. Anschließend würden wir endlich in die Flitterwochen fahren, die wir schon mehrfach verschoben hatten. Wohin die Reise ginge, wollte mir Edward nicht verraten - es sollte eine Überraschung werden.

Mein Edward. Im Dunkeln glitt ich mit meiner Hand über das Laken des leeren Bettes neben mir und strich Kissen und Decke glatt. Immer noch konnte ich es kaum glauben, dass ein Mann wie er sich ausgerechnet für eine Frau wie mich entschieden hatte. Direkt nach dem tragischen Unfalltod meiner Eltern vor einem halben Jahr war er in meiner tiefsten Trauerphase plötzlich aufgetaucht und seither nicht mehr von meiner Seite gewichen. Vieles hatte er mir in diesen schweren Stunden abgenommen und sich schon bald unentbehrlich gemacht. Als er kurze Zeit später um meine Hand anhielt, willigte ich spontan ein. Ausgerechnet ich, Lynn Warner, die ich mich im Laufe der Jahre mit meinem Singledasein abgefunden hatte und daran gewöhnt war, Entscheidungen nur für mich selbst zu treffen, überließ als Lynn Brewster nun alles einem anderen.

Ich schloss die Augen und versuchte, zur Ruhe zu kommen. Schließlich wollte ich Edward morgen nicht völlig übermüdet gegenübertreten. So wälzte ich mich noch eine ganze Weile hin und her, während draußen der Wind unser altes Haus ächzen und knarren ließ. Ich musste wohl gerade eingeschlafen sein, als ich spürte, dass es ganz hell im Zimmer geworden war. Ich öffnete die Augen und sah, dass der Fernseher lief - allerdings ohne Ton. Ich war mir sicher, ihn vor dem Zubettgehen ausgeschaltet zu haben. Schlaftrunken tastete ich nach der Fernbedienung, die ich immer auf dem Nachttisch neben meinem Bett liegen hatte. Sie war nicht dort. Widerstrebend erhob ich mich, ging hinüber und drückte den Knopf direkt am Gerät - einmal, zweimal. Vergeblich.

Etwas ratlos stand ich da und verfolgte beiläufig das Geschehen auf dem Bildschirm. Ein Auto fuhr auf einer Landstraße mitten durch blühende Wiesen. Wie sehr die Gegend doch unserem Wohnort glich. Und auch das rote Cabrio entsprach ziemlich genau demjenigen, das ich Edward erst vor wenigen Wochen geschenkt hatte und mit dem er jetzt gerade unterwegs war.

Obwohl ich fror und todmüde war, setzte ich mich auf die Bettkante und beobachtete den Fortgang der Handlung. Die nächste Kameraeinstellung zeigte die beiden Insassen des Fahrzeugs aus der Perspektive der Rückbank. Die Blondine auf dem Beifahrersitz hatte ihre Hand auf dem Oberschenkel des Fahrers abgelegt, während sein rechter Arm auf ihrer Schulter ruhte und sein Zeigefinger mit einer Haarsträhne in ihrem Nacken spielte. Trotz fehlenden Tons lag eine erotische Spannung in der Szene. Ich konnte das elektrisierte Kribbeln zwischen den beiden spüren, das auch ich jedes Mal empfand, wenn Edward mich auf diese Weise berührte.

Die Kameraeinstellung änderte sich. Nach einem kurzen Schwenk auf die Landschaft sah ich direkt in das Gesicht der Frau, einer attraktiven Erscheinung um die dreißig mit einem aufreizenden Zug um ihre rot getönten Lippen. Alles an ihrem Äußeren war das genaue Gegenteil von mir, die ich mich nie schminkte und ein eher unauffälliger Typ mit braunen Haaren und blasser Haut war. Die Frau auf den zweiten Blick, wie Edward mich manchmal nannte.

Die Gegenwart des Mannes schien die Frau zu inspirieren, sie lachte und warf dabei den Kopf in den Nacken. Die Kamera fuhr nach rechts und zeigte nun das Objekt ihrer Begierde. Doch was ich sah, konnte nicht sein. Um sicher zu gehen, dass ich nicht träumte, kniff ich mir mit Daumen und Zeigefinger kräftig in den rechten Unterarm. Der Schmerz, den ich spürte, war echt. Der Mann in dem Wagen war Edward.

So schnell ich konnte, krabbelte ich zurück ins Bett, zog meine Knie an die Brust und die Decke bis unter das Kinn. Ich wagte es kaum, zu atmen, während ich kopfschüttelnd auf den Bildschirm starrte. Der Wagen bog von der Landstraße ab, passierte ein großes schmiedeeisernes Tor und eine gepflegte, von alten Bäumen gesäumte Auffahrt, um schließlich vor einem prächtigen Herrenhaus zum Stehen zu kommen - eben jenem Haus, das meine Eltern mir nach ihrem Tod hinterlassen hatten. Erst vor kurzem waren Edward und ich hier einzogen. Auf der Anhöhe links dahinter erkannte ich den kleinen Friedhof, wo Vater und Mutter begraben lagen.

Ein Irrtum war ausgeschlossen: Es handelte sich um unser Haus. Einzig die makellose Fassade des alten Gebäudes entsprach so gar nicht seinem aktuellen Zustand, denn tatsächlich war es an vielen Stellen baufällig und bedurfte dringend einer umfassenden Renovierung. Aus finanziellen Gründen hatten Edward und ich damit gewartet, bis mein Erbe ausgezahlt war und gerade erst die Sanierungsarbeiten in Auftrag gegeben.

Ungläubig verfolgte ich, wie Edward und die Frau aus dem Wagen stiegen, während Corcie, der Foxterrier meiner Eltern, den wir nach ihrem Tod bei uns aufgenommen hatten, kläffend um sie herumsprang. Das Paar küsste sich und ging lachend Arm in Arm die Treppe hinauf zur Haustür, die sich hinter den beiden schloss.

Der Bildschirm wurde schwarz.

Wie erstarrt saß ich da. Unerträglich, Edward an der Seite einer anderen zu sehen. Unvorstellbar, ihn zu verlieren. Erst jetzt bemerkte ich, dass mir die Tränen über das Gesicht liefen. Ich trocknete mir die Wangen mit dem Ärmel meines Pyjamas und atmete tief ein und aus. Ich musste mich beruhigen. Das alles konnte nur ein schlimmer Fehler sein. Schließlich handelte es sich um einen Film. Um einen Film, der zugegebenermaßen einige erstaunliche Übereinstimmungen mit meinem Leben aufwies; und dessen Hauptdarsteller meinem Mann aufs Haar glich. Na und? Viele Menschen ähnelten einander. Schon morgen würde Edward zurück sein und mich wegen meiner blühenden Fantasie aufziehen, wenn ich ihm von meinem Erlebnis berichtete. Gemeinsam würden wir dann über den ganzen Spuk dieser Nacht lachen. Aber die Ähnlichkeit ...

An Schlafen war nicht mehr zu denken. Denn noch ein Detail des Films ließ mich nicht zur Ruhe kommen - war ich mir doch sicher, auf der Anhöhe hinter dem Haus anstelle des einen Gemeinschaftsgrabsteins meiner Eltern zwei Grabsteine gesehen zu haben. Was sollte das bedeuten? Ich musste mir Gewissheit verschaffen. Eilig zog ich mich an, ging die Wendeltreppe hinunter in die Halle und nahm eine Taschenlampe aus dem Schrank im Flur. Durch den Lärm geweckt hob Corcie den Kopf, sah mich fragend an und rollte sich anschließend wieder in seinem Körbchen zusammen.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und öffnete die Haustür. Draußen war es stockfinster, Mond und Sterne waren hinter einer dichten Wolkendecke verborgen. Der starke Wind vom Nachmittag war über Nacht zum Sturm geworden und peitschte mir den Regen ins Gesicht. Ich zog den Schal noch enger um meine Schultern und kämpfte mich Schritt für Schritt durch den Matsch den Berg hinauf in Richtung Friedhof. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Seit der Beerdigung war ich nicht mehr am Grab meiner Eltern gewesen. Ich hatte es nicht über mich gebracht, zu sehr schmerzte der Verlust.

Ich öffnete die alte eiserne Pforte, die mit einem Quietschen nachgab, trat zögernd ein und tastete mich über die rutschige Erde voran in Richtung der Grabstätte. Mit meiner Taschenlampe beleuchtete ich die Inschrift: „Hier ruhen Elisabeth und George Warner, gestorben am 10. Mai 2014, in Liebe vereint über den Tod hinaus.“ Ich schluckte. Immer noch fiel es mir schwer, diese Zeilen zu lesen. Da die Ursache ihres mysteriösen Autounfalls nie geklärt werden konnte, haderte ich noch immer mit ihrem Schicksal.

Ich senkte den Blick und sprach ein kurzes Gebet. Als ich daraufhin einen Fuß nach hinten setzte, verlor ich den Halt und rutschte in ein tiefes Erdloch, wo ich mit einem harten Aufprall auf dem Rücken landete. Vor Schmerzen bekam ich kaum Luft und konnte mich in der Enge der Grube nur schwer bewegen. Die Taschenlampe hielt ich noch immer fest umklammert. Um mich zu orientieren, schwenkte ich sie von rechts nach links. Dabei erhellte sie die Konturen eines zweiten Grabsteins, der vorher hinter dem meiner Eltern verborgen gewesen sein musste.

Mit zitternden Händen lenkte ich den Lichtstrahl auf die Inschrift und las: „Hier ruht Lynn Brewster, geb. Warner, aus dem Leben gegangen am 20. November 2014. In ewiger Liebe, Edward.“

Ich, Lynn Brewster, lag in der Grube meines eigenen Grabes. Mein Todestag war ... morgen.

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